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Überm Rauschen: Roman
 
 
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Überm Rauschen: Roman [Taschenbuch]

Norbert Scheuer
4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (16 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 176 Seiten
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Juli 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423140089
  • ISBN-13: 978-3423140089
  • Größe und/oder Gewicht: 18,8 x 11,8 x 1,6 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (16 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 700.005 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Scheuer ist ein stiller, ein großer Erzähler." Martin Lüdke im "Focus"

Kurzbeschreibung

Einst sind der Vater und die Brüder gemeinsam fischen gegangen, das Rauschen des Wehrs hinter der Gaststätte in der Eifel, in der sie gelebt haben, hat die Kindheit der Brüder mit Ahnungen und Phantasien belebt. Aber der Vater, der beim Angeln immer auf der Suche nach einem riesigen, mythischen Urfisch war, ist schon lange tot. Und der ältere Bruder Hermann ist abgeholt worden, musste in die Klinik, er hat den Verstand verloren, sein Schicksal ist ungewiss. Der jüngere Bruder, der Ich-Erzähler, ist zurückgekehrt an den Ort der Kindheit, um der Familie zu helfen, steht im Fluss, angelt und lässt das Leben des Bruders, sein eigenes, das der Familie Revue passieren. Die Kindheit am Fluss, die erste Liebe, die kauzigen Gäste der elterlichen Gastwirtschaft, die Ausbruchsversuche des Bruders, der Niedergang der Kneipe, der Fluss und die Fische, der Tod der holländischen Gelegenheitsgeliebten des Bruders und die ungeklärte Frage nach dem eigenen leiblichen Vater - erschöpft und doch überwach versucht der Erzähler, aus den Erinnerungen und Gesprächen, Ereignissen und Beobachtungen einen Zusammenhang herzustellen, eine Erklärung zu finden.

Norbert Scheuers neuer Roman "Überm Rauschen" entwickelt mit seiner genauen und poetischen Sprache einen enormen Sog. Trauer und Schönheit einer ganzen Welt entstehen durch diese suggestive Geschichte, deren Protagonisten mit ihrer Suche nach dem großen mythischen Fisch zugleich auf der Suche nach dem Glück sind. Und das Glück ist da, im Rauschen, in der wehmütigen Kraft des Erzählens. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .


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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Mehr Fisch als Fleisch 4. November 2010
Format:Gebundene Ausgabe
Mehr Fisch als Fleisch
Norbert Scheuers Roman "Überm Rauschen"

"Überm Rauschen" erzählt das Geschehen zweier Tage. Auf der Ebene der Gegenwart erleben wir den Tag, an dem der Erzähler Leo Arimond im Fluss seines Heimatortes angelt. Dabei denkt er immer wieder an den vorhergehenden Tag, an dem die eigentliche Handlung stattfand: Er ist nach langer Abwesenheit in der Eifel zurückgekehrt, begegnet dort seiner alten Mutter, den zwei Schwestern und schließlich der Hauptfigur, seinem inzwischen wahnsinnig gewordenen Bruder Hermann. Davor liegt auf einer dritten Ebene die in fragmentarischen Erinnerungen des Erzählers beschriebene gemeinsame Vergangenheit, die eine Erklärung für die gegenwärtige Situation liefert.
Enthüllt wird eine recht trostlose Geschichte des Scheiterns fast aller Mitglieder (Erzähler, Bruder Vater, Mutter, Schwestern) dieser dysfunktionalen Familie, in der es keine Kommunikation gibt, sondern nur "namenloses" Unglück. Positiv gezeichnet sind lediglich zwei Figuren: die uralte Tante Reese und Alma, die leicht unmoralische, aber sich auch großherzig verschenkende (der Name bedeutet die "Nährende") Geliebte des Bruders und zeitweise auch des Erzählers.
Trist wirkt auch der Ort der Handlung, das Eifeldorf, das so konkret beschrieben wird, dass man vieles wiedererkennt. Die Gaststätte, in der die Familie lebt, ist schäbig und heruntergekommen, die meisten Gäste sind lärmende Trunkenbolde. Groß und bedeutsam ist nur der Fluss, der immer im Mittelpunkt steht und wiederholt und sehr bemüht in klarem Gegensatz zu dem sonst so lakonischen (an Hemingway erinnernden) Stil des Erzählers mystisch und ein wenig dunkel raunend überhöht wird ("dass alles, was jemals geschehen sei, im Fluss triebe"). Ähnliches gilt für das Fischen, dessen detaillierte Beschreibung große Teile des Buches ausmacht. Für Vater, Bruder und am Schluss auch für den Erzähler ist es viel mehr als ein bloßes Hobby. Es ist eine Leidenschaft, die dem "aficionado " Transzendenzerfahrungen ermöglicht, in denen (und nur in denen!) sich ihm der tieferer Sinn unserer Existenz erschließt, den er in seinem "normalen" Leben so deutlich vermisst. Den ebenfalls mythisch beschworenen, legendären alten Fisch, der in dem Fluss leben soll, zu fangen wäre ein unerhörtes Unterfangen, das, wenn es gelänge, vielleicht jene beglückende Sinnhaftigkeit herstellen könnte, die die Figuren vor dem Untergang retten könnte.
Scheuer erzählt deutlich auf zwei Ebenen. Die "Oberfläche"(der Ort der Handlung und die Ereignisse der zwei Tage) wird sehr ausführlich, präzise und anschaulich geschildert. Hier ist der Leser oft überrascht über Reichtum und Anschaulichkeit der Beschreibungen. Aber welchem Zwecke dienen diese? In welcher Beziehung stehen sie zu dem, was man für das "Eigentliche" der zu erzählenden Geschichte halten möchte? Die Entwicklung der Personen bleibt schemenhaft und ohne Fleisch. Wichtige, lebensbestimmende Ereignisse werden immer nur kurz erinnert, aber nie in der szenischen Ausführlichkeit dargeboten, die notwendig gewesen wäre , um runde, lebendige Menschen entstehen zu lassen. Wir lesen zu viel vom Fischen, zu wenig vom Leben. Dass zwischen beiden eine tiefe Beziehung besteht, kann Scheuer nur behaupten, nicht beweisen.

Dr. Jochen Menge 4. November 2010

Überm Rauschen: Roman
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18 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Heike Geilen HALL OF FAME REZENSENT TOP 50 REZENSENT VINE™-PRODUKTTESTER
Format:Gebundene Ausgabe
Erinnerungen - ein Universum an Geschichten

Norbert Scheuers kleiner, großer Roman erzählt in ruhigem Ton von der Kunst des Fischens, die in Wirklichkeit nichts anderes ist als die Kunst des Täuschens, die sich eins zu eins auf das Leben übertragen lässt. Im Leben und in der Liebe jedoch komme es darauf an, "dieses nach festen Regeln zu machen, sodass jeder eine faire Chance habe, die Täuschung zu erkennen."

An diese Worte erinnert sich der 45-jährige Ich-Erzähler Leo Arimond beim Fischen im Fluss in seiner Heimat, der Elftausend-Seelen-Gemeinde Kall in der Eifel. Aus Hamburg ist er angereist, um nach dem zwei Jahre älteren Bruder Hermann zu sehen, der sich in seinem Zimmer eingeschlossen hat und weigert, wieder herauszukommen. Es scheint, dass er dem Wahnsinn verfallen ist. Der Vater ist längst gestorben, die demente Mutter lebt in einem Heim und die ehemalige Angestellte und Lebensgefährtin Hermanns - Alma - hat den mehr schlecht als recht laufenden Gasthof der Familie übernommen. "Ich wusste nicht, was ich eigentlich hier sollte, ich würde meinem Bruder doch nicht helfen können - zu lange haben wir in unterschiedlichen Welten gelebt."

Derweil verbanden die beiden Jungen in ihrer Kindheit eine tiefe Nähe und eine gemeinsam zu überwindende Angst durch die vielen Geräusche der Betrunkenen aus dem Provinzgasthof. Hinzu kam die nicht empfangene Liebe ihrer zynischen und verbitterten Mutter und einem Stiefvater, der wiederum seine ihm fehlende Liebe aus Verzweiflung im Alkohol zu ertränken versuchte. "Nur das Rauschen des Wehrs, das sich hinter der Gaststätte befand, beruhigte uns. Abend lagen wir im Bett, glaubten, dieses Rauschen übertöne alles, und wir trieben wie leblos, mit ausgebreiteten Armen, langsam auf das rauschende Wehr zu, nur ein unendlicher Sternenhimmel über uns."

Doch plötzlich findet sich Leo beim Angeln wieder, das er als Kind - im Gegensatz zu seinem Stiefvater und seinem Bruder - nicht mochte. Das erste Mal denkt er wirklich über seine Familie nach, erinnert sich an seine Kindheit und Jugend. Der Fluss Urft wird für ihn zu einem großen aufgewühlten Strom von Erinnerungen, einer Matrize, auf der sich alles unentzifferbar einritzt, zu einem Seismografen, der jeden Hauch und jedes Flüstern gespeichert hat und in einen großen See verlorener Zeit mündet.

Norbert Scheuers Text mäandert mit ruhigem Blick, durchsetzt mit einer zeitweise großen Melancholie durch diese Erinnerungen. Er erzählt von desillusionierten Biografien, die zumeist mit großen Träumen und Hoffnungen begannen, jedoch vielfach einen schicksalhaften Niedergang erlitten. Sein Buch generiert keine heile Welt, sondern "man findet genau dieselben Brüche und genau das, was einem im realen Leben begegnet." erklärt der Autor in einem Interview. Und weiter: "Ich denke mir, (...) dass die Leute hoffnungslos sind. Aber die entscheidende Frage ist: Was versteht man unter Hoffnung? Was versteht man unter Glück? Und gibt es überhaupt so etwas wie das vollkommene Glück? Eigentlich kommt es nur darauf an, mit dem Leben fertig zu werden. Man muss mit den Gegebenheiten in denen man lebt, einfach irgendwie zurechtkommen."

Dieses Zurechtkommen und das kleine, große Glück, beschreibt Norbert Scheuer faszinierend. Auf den engen Raum seiner Heimat fixiert, unspektakulär, leise und unaufdringlich, bar jeglicher Ironie, aber auch ohne Pathos, entfaltet der Autor ein außergewöhnlich erzählerisches Talent. In reizvollen Landschaftsbildern und Schilderungen der stillen Naturschönheiten der Eifel, durchzogen von teils bedrückenden Kindheitserlebnissen, die er vor dem Auge des Lesers nahezu körperlich spürbar entstehen lässt, gelingen Scheuer Passagen von großer, ja ergreifender Schönheit.

Fazit:
Norbert Scheuers "Überm Rauschen", ein kunstvoll komponierter, kleiner poetischer Roman voller Symbolik und Gedanken über die großen Fragen des Glücks, der Hoffnungen, aber auch der Selbstzerstörung menschlicher Existenzen, offenbart kostbare gegenwärtige Literatur. Seine scheinbar schwerelose, ruhige Erzählung, die nur manchmal eine Untiefe und einen glitzernden Strudel offenbart, wurde völlig zu Recht für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2009 nominiert.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
Hermann öffnet nicht.

So sehr Leo auch gegen die Tür schlägt, bittet und fordert, die Tür bleibt geschlossen. Ist Hermann überhaupt noch in dem Zimmer?

Leo Arimond, der Ich-Erzähler in Scheuers Roman "Überm Rauschen", ist extra in die Eifel zurückgekehrt, um nach seinem älteren Bruder zu sehen. Hermann ist krank, heißt es, du musst kommen.

Ungern und widerstrebend hat sich Leo auf den Weg gemacht, zurück in sein kleines Heimatdorf, zum Gasthof seiner Familie. Zu bedrückend sind die Erinnerungen an die lieblose und abwesende Mutter, den überforderten, trinkenden Vater und den Bruder, dem immer alles besser gelang als ihm. Und jetzt steht er hier vor der Tür und Herrmann öffnet nicht. Auch sonst ist alles anders als früher: der Vater ist schon lange tot, die Mutter im Pflegeheim, die Schwestern sind, wie er, geflüchtet und leben woanders.

Leo kann hier nichts tun außer sich zu erinnern. An den Fluss, der hinter dem Gasthof entlang fließt, an das Rauschen des Wehrs, das seinem Bruder und ihm Trost gab, wenn der Vater betrunken war oder die Mutter mit irgendeinen Mann aus dem Gasthof in einem der Zimmer verschwand. Und an das Fischen, die einzige große Leidenschaft des Vaters und dessen Besessenheit für den mythischen Urfisch Ischtys, den er eines Tages zu fangen hoffte. Leo mochte das Fischen nicht, das Hermann so leicht fiel. Die Enttäuschung des Vaters spürte er wohl.

Jetzt steht Leo im Fluss seiner Kindheit und fischt: vieles ist ihm in Erinnerung geblieben, von dem, was sein Vater ihn lehren wollte, von der Kunst des Fliegenfischens, die die Kunst des Täuschens sei. In den langen Stunden im Fluss rauschen jetzt die Bilder aus der Vergangenheit an ihm vorbei, fließen zusammen, nehmen schließlich Gestalt an: Ischtys, der große Fisch.

Scheuer ist in meinen Augen ein großartiger Roman gelungen, mit glaubhaften Charakteren, bildreich erzählt und gut komponiert. Er zeichnet ein Bild einer Kindheit - mit all` den Wünschen nach Liebe durch die Eltern, den Verletzungen und Kränkungen, der Überforderung der Eltern - das unter die Haut geht und dem eindringliche Landschaftsbeschreibungen ebenbürtig zur Seite stehen.

Dem Autor gelingt es dabei, die häufig verwendete Metapher des Flusses so glaubhaft und selbstverständlich in die Geschichte einzubeziehen, als hätte er sie zum ersten Mal benutzt. Sogar die Fischzeichnungen in dem Buch sind kein skurriler Zierrat oder gar Seitenschinderei, sondern runden ab und machen liebenswert.

Für ein so gelungenes Buch vergebe ich mit Freude fünf Sterne.

Eine unbedingte Leseempfehlung!
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