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7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Anglerlatein oder Psychogramm?, 21. September 2009
Das Buch ist athmosphärisch dicht geschrieben, man hat als Leser an einigen Stellen geradezu das Gefühl, das Rauschen des Baches und den erdig-mossigen Geruch des Waldes unmittelbar zu erfahren. Die Handlung bleibt aber irgendwie undurchsichtig, was dadurch verstärkt wird, dass der Autor zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt, ebenso wie er die Perspektiven variiert. Als Nicht-Angler hatte ich zudem häufig das Gefühl, die Fachsprache schlichtweg nicht zu verstehen, wobei das Angeln natürlich nur als symbolische Geste zu sehen ist - dennoch: ein gewisses Grundverständnis des Angelns ist bei der Lektüre hilfreich. Zum Ende hin verweben sich die unterschiedlichen Kapitel miteinander (mehr oder weniger), lassen aber doch einiges an Interpretationsspielraum offen. Ich hatte mich beim Lesen öfter dabei ertappt, wie ich gedanklich abgeschweift bin, d.h. das Buch konnte mich leider nicht fesseln und kam mir für nur 165 schmal bedruckte Seiten "lang" vor (zudem sind auf einigen Seiten nur kleine Skizzen mit Kurzdefinitionen). Meiner Meinung nach ist "Überm Rauschen" zwar kein Buch, dass man nicht empfehlen könnte, aber es ist ganz sicher auch kein Buch für den "Mainstream" - es wirkte auf mich irgendiwe seltsam (aber es wirkte...). Ich denke, dass sich der wahre Wert erst dann zeigt, wenn sich der Leser gedanklich intensiv mit den Inhalten auseinandersetzt und diese für sich und seine Lebenswelt entwickelt. Wer dieses Buch lesen möchte, sollte sehr aufmerksam lesen und auf die Details achten, die der Autor unauffällig in den Text vergräbt; man sollte es ohne Hast lesen und sich nicht scheuen, auch einmal zurück zu blättern. Wer kurzweilige Unterhaltung sucht, ist hier allerdings falsch.
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9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein großer kleiner Roman, 27. September 2009
Norbert Scheuer hat mit "Überm Rauschen" ein poetisches Buch geschrieben, das - möglicherweise nicht zufällig - an die ganz großen deutschen Gegenwartsautoren Günter Grass und Siegfried Lenz erinnert. Mit Ersterem verbinden Scheuer die vielen Zeichnungen von Fischen und Fliegenködern mit Zweiten Sujet und der ruhige, unaufgeregte Erzählstil.
Gelungene Literatur zeigt Menschen in der Krise. Die Geschichte dieses Romans ist - wiederum ganz Siegfried Lenz - die Geschichte von Außenseitern. Erneut kehrt Scheurer dazu in seine Heimat, die Eifel, zurück. Die beiden Brüder Hermann und Leo haben sich unterschiedlich entwickelt: Der Eine ist in der Heimat geblieben, der Andere hat ihr mit Aufnahme des Studiums den Rücken gekehrt.
Nun kehrt der jüngere Leo, Mitte vierzig, nach Jahren der Abwesenheit in seinen Heimatort zurück, wo die Zeit nahezu stehen geblieben scheint. Die Mutter liegt inzwischen dement im Heim, der Stiefvater ist lange tot, sein älterer Bruder, droht dem Wahnsinn zu verfallen. Gerufen von seinen Schwestern, soll er ihn, der nahezu sein gesamtes Leben am Fluss verbracht und es dabei zu einer wahren Meisterschaft im Fliegenfischen gebracht hat, aus seiner verzweifelten Lebenslage retten.
Beim Fischen beschwört der Heimkehrer die Welt seiner Kindheit herauf, vor der er einst floh, die Trunksucht des Vaters, die aus Trauer geborene Liebesunfähigkeit der Mutter, die notorischen Geldsorgen, die dörfliche Enge. Einst sind sie gemeinsam mit ihrem Vater zum Angeln gegangen. Denn gleich hinter der Gaststätte, mit der die Eltern ihren Lebensunterhalt bestritten, rauscht der Fluss. Zeitlebens war der Vater auf der Jagd nach dem riesigen, mythischen Urfisch Ichthys gewesen. Doch sowohl Vater als auch der Bruder scheitert am urzeitlichen Fabelwesen.
Nun steht Leo, der es beim Angeln als Kind nie mit seinem Vater oder Hermann aufnehmen konnte, im Fluss und jagt den Ichthys. Die eigene Kindheit am Fluss kehrt zurück, die erste Liebe Alma, die elterliche Gastwirtschaft, der sonderliche, fischverrückte Vater, die umtriebige Mutter. Trauer und Schönheit liegen - wie oft im Leben - dicht beieinander.
Die Jagd nach dem Fisch gleicht nicht zufällig der Suche nach dem Glück: "Der Fluss ist eine Matrize, auf der sich alles unentzifferbar einritzt - für uns bleibt es danach verborgen -, aber ich weiß, dass es dennoch da ist, man kann es ahnen und träumen, vielleicht wissen die Fische es auch."
Ein wundervoller Roman über die Heimat und Kindheit in der Eifel und die profane Verwandlung einer einst mythischen Welt.
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10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Erinnerungen - ein Universum an Geschichten, 4. Oktober 2009
Erinnerungen - ein Universum an Geschichten
Norbert Scheuers kleiner, großer Roman erzählt in ruhigem Ton von der Kunst des Fischens, die in Wirklichkeit nichts anderes ist als die Kunst des Täuschens, die sich eins zu eins auf das Leben übertragen lässt. Im Leben und in der Liebe jedoch komme es darauf an, "dieses nach festen Regeln zu machen, sodass jeder eine faire Chance habe, die Täuschung zu erkennen."
An diese Worte erinnert sich der 45-jährige Ich-Erzähler Leo Arimond beim Fischen im Fluss in seiner Heimat, der Elftausend-Seelen-Gemeinde Kall in der Eifel. Aus Hamburg ist er angereist, um nach dem zwei Jahre älteren Bruder Hermann zu sehen, der sich in seinem Zimmer eingeschlossen hat und weigert, wieder herauszukommen. Es scheint, dass er dem Wahnsinn verfallen ist. Der Vater ist längst gestorben, die demente Mutter lebt in einem Heim und die ehemalige Angestellte und Lebensgefährtin Hermanns - Alma - hat den mehr schlecht als recht laufenden Gasthof der Familie übernommen. "Ich wusste nicht, was ich eigentlich hier sollte, ich würde meinem Bruder doch nicht helfen können - zu lange haben wir in unterschiedlichen Welten gelebt."
Derweil verbanden die beiden Jungen in ihrer Kindheit eine tiefe Nähe und eine gemeinsam zu überwindende Angst durch die vielen Geräusche der Betrunkenen aus dem Provinzgasthof. Hinzu kam die nicht empfangene Liebe ihrer zynischen und verbitterten Mutter und einem Stiefvater, der wiederum seine ihm fehlende Liebe aus Verzweiflung im Alkohol zu ertränken versuchte. "Nur das Rauschen des Wehrs, das sich hinter der Gaststätte befand, beruhigte uns. Abend lagen wir im Bett, glaubten, dieses Rauschen übertöne alles, und wir trieben wie leblos, mit ausgebreiteten Armen, langsam auf das rauschende Wehr zu, nur ein unendlicher Sternenhimmel über uns."
Doch plötzlich findet sich Leo beim Angeln wieder, das er als Kind - im Gegensatz zu seinem Stiefvater und seinem Bruder - nicht mochte. Das erste Mal denkt er wirklich über seine Familie nach, erinnert sich an seine Kindheit und Jugend. Der Fluss Urft wird für ihn zu einem großen aufgewühlten Strom von Erinnerungen, einer Matrize, auf der sich alles unentzifferbar einritzt, zu einem Seismografen, der jeden Hauch und jedes Flüstern gespeichert hat und in einen großen See verlorener Zeit mündet.
Norbert Scheuers Text mäandert mit ruhigem Blick, durchsetzt mit einer zeitweise großen Melancholie durch diese Erinnerungen. Er erzählt von desillusionierten Biografien, die zumeist mit großen Träumen und Hoffnungen begannen, jedoch vielfach einen schicksalhaften Niedergang erlitten. Sein Buch generiert keine heile Welt, sondern "man findet genau dieselben Brüche und genau das, was einem im realen Leben begegnet." erklärt der Autor in einem Interview. Und weiter: "Ich denke mir, (...) dass die Leute hoffnungslos sind. Aber die entscheidende Frage ist: Was versteht man unter Hoffnung? Was versteht man unter Glück? Und gibt es überhaupt so etwas wie das vollkommene Glück? Eigentlich kommt es nur darauf an, mit dem Leben fertig zu werden. Man muss mit den Gegebenheiten in denen man lebt, einfach irgendwie zurechtkommen."
Dieses Zurechtkommen und das kleine, große Glück, beschreibt Norbert Scheuer faszinierend. Auf den engen Raum seiner Heimat fixiert, unspektakulär, leise und unaufdringlich, bar jeglicher Ironie, aber auch ohne Pathos, entfaltet der Autor ein außergewöhnlich erzählerisches Talent. In reizvollen Landschaftsbildern und Schilderungen der stillen Naturschönheiten der Eifel, durchzogen von teils bedrückenden Kindheitserlebnissen, die er vor dem Auge des Lesers nahezu körperlich spürbar entstehen lässt, gelingen Scheuer Passagen von großer, ja ergreifender Schönheit.
Fazit:
Norbert Scheuers "Überm Rauschen", ein kunstvoll komponierter, kleiner poetischer Roman voller Symbolik und Gedanken über die großen Fragen des Glücks, der Hoffnungen, aber auch der Selbstzerstörung menschlicher Existenzen, offenbart kostbare gegenwärtige Literatur. Seine scheinbar schwerelose, ruhige Erzählung, die nur manchmal eine Untiefe und einen glitzernden Strudel offenbart, wurde völlig zu Recht für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2009 nominiert.
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