Pressestimmen
Geschichte eines deutschen Europäers
Neuerscheinungen von Büchern Sebastian Haffners
de. Die kurzlebige Kontroverse um Sebastian Haffners «Geschichte eines Deutschen» hat das Interesse für andere Bücher dieses deutsch-britisch-deutschen Journalisten und Publizisten wieder geweckt. Gleich drei sind in diesem Jahr in Deutschland bei verschiedenen Verlagen erschienen oder neu aufgelegt worden. Der unterschiedliche Charakter dieser Werke widerspiegelt die grosse Spannweite von Haffners Werk. Gemeinsam legen die Veröffentlichungen Zeugnis ab vom messerscharfen Blick dieses Beobachters auf das politische Geschehen in fünf Jahrzehnten. Diese brachten nicht nur für den europäischen Kontinent, sondern auch für Haffner persönlich schwere Erschütterungen und Verwerfungen. Deutscher und Engländer Man wird kaum falsch liegen, wenn man vermutet, dass erst aus Haffners Biographie die Gabe des unbestechlichen Urteils und der analytischen Durchdringung zu erklären ist, die diesen 1999 gestorbenen Autor so bekannt machte. Und so liest man auch heute noch fasziniert, wie distanziert und nüchtern, gleichzeitig aber engagiert Haffner mitten aus der seismischen Bruchzone des Kalten Krieges berichtete. Er erlebte Deutschland als Deutscher, verarbeitete das Erfahrene aber mit der Disziplin angelsächsischer journalistischer Tradition und der intimen Kenntnis angloamerikanischer Politik. Dies allein gab ihm Vergleichsmöglichkeiten, wie sie nur wenige hatten. Dies ist auch der Grund, weshalb vieles, was Haffner vor 20, 30 oder 40 Jahren schrieb, nichts von seiner Gültigkeit verloren hat. Die Bundesrepublik ist eine Erfolgsgeschichte, geboren aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs. Sie ist nicht nur deswegen erfolgreich, weil die westlichen Alliierten es so geplant hatten, sondern primär, weil die Deutschen es so wollten. Dies hebt Haffner immer wieder deutlich hervor. Was tun mit der DDR? Die DDR hingegen hatte er immer verabscheut und das SED-Regime in seiner despotischen Falschheit durchschaut. Allerdings schätzte er die Unzufriedenheit der Ostdeutschen viel zu sehr als virulent ein. Dies wird in seinem Buch «Die deutsche Frage» eindrücklich sichtbar, das auf erstmals übersetzten Artikeln des Londoner «Observer» beruht. Nie mehr nach dem 17. Juni 1953 bestand die Aussicht auf eine soziale oder gar politische Explosion, wie Haffner mehrfach prognostizierte. Vielmehr führte der Mauerbau in Berlin zur Grabesstille und inneren Emigration, aber auch zum Abbau der deutsch-deutschen Spannungen bis hin zur Ostpolitik der Regierung Brandt. Diese hatte Haffner in den siebziger Jahren nachdrücklich unterstützt. Damit wurden aber auch die zahlreichen Ideenskizzen Haffners von Formen eines wiedervereinigten Deutschland hinfällig, vor allem sein origineller Plan vom April 1960, die DDR in einen freien Staat «Preussen» umzuwandeln und als neutrales Gebilde von den Grossmächten abzukoppeln. Hier zeigte sich, wie sehr Haffner die ausgeklügelte Mechanik des politischen Kräftespiels in Mitteleuropa durchleuchtet hatte. Seine «Preussen»-Idee beruhte auf einer meisterlichen Ausbalancierung der Opfer, die jede der beteiligten Parteien hätte erbringen müssen. Allerdings ist in der Lektüre des entsprechenden Beitrages in «Die deutsche Frage» doch auch zu spüren, dass Haffner nicht wirklich erwartete, Moskau würde sein Ostberliner Satrapen-Regime dem Risiko freier Wahlen aussetzen. Haffners Analyse bestach durch den gekonnten Umgang mit einer Unzahl von Details, die er zu kräftigen, manchmal fast simplen Aussagen verdichtete. So gelang es ihm, fundamentale Fragen wie das Wesen der Demokratie, die Rolle der Opposition oder den Charakter moderner Parteien aus immer wieder anderen Blickwinkeln zu beleuchten. Geradezu amüsiert liest man im «Wechselwähler», wie er die Schwierigkeiten von CDU/CSU nach ihrem Gang in die Opposition beschrieben hat wohlverstanden im Jahre 1969 und nicht 1998! Anderseits verschätzte er sich nicht nur in der Resistenz der FDP als kleiner Mehrheitsbeschafferin, die sehr wohl einen Seitenwechsel wie jenen von 1982 überleben konnte, sondern auch in der Wandelbarkeit der Grünen (die er zutiefst verachtete) von einer ausserparlamentarischen Protestbewegung hin zu einer etablierten Regierungspartei. Ein Gespräch als Leitfaden Zu jener Zeit hatte Haffner seine jahrelange Arbeit als Korrespondent für den «Observer» abgebrochen und sich wieder deutschen Medien zugewandt. Im Februar 1989 interviewte ihn die damalige Studentin Jutta Krug über sein wechselvolles «Leben zwischen den Zeiten». Der Bericht ist nicht nur eine persönliche Bilanz des Autors, sondern gewährt auch Einblick in seine Arbeitsweise und sein politisches Denken. Er mag als Leitfaden zur Lektüre des grossen journalistischen und schriftstellerischen Werkes von Sebastian Haffner dienen nicht nur durch die Ausführungen im Gespräch, sondern auch durch einen längeren Essay des Haffner-Biographen Uwe Soukup. In diesem Aufsatz nimmt Soukup schliesslich auch nochmals Stellung zur Kontroverse um die Authentizität mehrerer Passagen in «Geschichte eines Deutschen». -- Neue Zürcher Zeitung
Neuerscheinungen von Büchern Sebastian Haffners
de. Die kurzlebige Kontroverse um Sebastian Haffners «Geschichte eines Deutschen» hat das Interesse für andere Bücher dieses deutsch-britisch-deutschen Journalisten und Publizisten wieder geweckt. Gleich drei sind in diesem Jahr in Deutschland bei verschiedenen Verlagen erschienen oder neu aufgelegt worden. Der unterschiedliche Charakter dieser Werke widerspiegelt die grosse Spannweite von Haffners Werk. Gemeinsam legen die Veröffentlichungen Zeugnis ab vom messerscharfen Blick dieses Beobachters auf das politische Geschehen in fünf Jahrzehnten. Diese brachten nicht nur für den europäischen Kontinent, sondern auch für Haffner persönlich schwere Erschütterungen und Verwerfungen. Deutscher und Engländer Man wird kaum falsch liegen, wenn man vermutet, dass erst aus Haffners Biographie die Gabe des unbestechlichen Urteils und der analytischen Durchdringung zu erklären ist, die diesen 1999 gestorbenen Autor so bekannt machte. Und so liest man auch heute noch fasziniert, wie distanziert und nüchtern, gleichzeitig aber engagiert Haffner mitten aus der seismischen Bruchzone des Kalten Krieges berichtete. Er erlebte Deutschland als Deutscher, verarbeitete das Erfahrene aber mit der Disziplin angelsächsischer journalistischer Tradition und der intimen Kenntnis angloamerikanischer Politik. Dies allein gab ihm Vergleichsmöglichkeiten, wie sie nur wenige hatten. Dies ist auch der Grund, weshalb vieles, was Haffner vor 20, 30 oder 40 Jahren schrieb, nichts von seiner Gültigkeit verloren hat. Die Bundesrepublik ist eine Erfolgsgeschichte, geboren aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs. Sie ist nicht nur deswegen erfolgreich, weil die westlichen Alliierten es so geplant hatten, sondern primär, weil die Deutschen es so wollten. Dies hebt Haffner immer wieder deutlich hervor. Was tun mit der DDR? Die DDR hingegen hatte er immer verabscheut und das SED-Regime in seiner despotischen Falschheit durchschaut. Allerdings schätzte er die Unzufriedenheit der Ostdeutschen viel zu sehr als virulent ein. Dies wird in seinem Buch «Die deutsche Frage» eindrücklich sichtbar, das auf erstmals übersetzten Artikeln des Londoner «Observer» beruht. Nie mehr nach dem 17. Juni 1953 bestand die Aussicht auf eine soziale oder gar politische Explosion, wie Haffner mehrfach prognostizierte. Vielmehr führte der Mauerbau in Berlin zur Grabesstille und inneren Emigration, aber auch zum Abbau der deutsch-deutschen Spannungen bis hin zur Ostpolitik der Regierung Brandt. Diese hatte Haffner in den siebziger Jahren nachdrücklich unterstützt. Damit wurden aber auch die zahlreichen Ideenskizzen Haffners von Formen eines wiedervereinigten Deutschland hinfällig, vor allem sein origineller Plan vom April 1960, die DDR in einen freien Staat «Preussen» umzuwandeln und als neutrales Gebilde von den Grossmächten abzukoppeln. Hier zeigte sich, wie sehr Haffner die ausgeklügelte Mechanik des politischen Kräftespiels in Mitteleuropa durchleuchtet hatte. Seine «Preussen»-Idee beruhte auf einer meisterlichen Ausbalancierung der Opfer, die jede der beteiligten Parteien hätte erbringen müssen. Allerdings ist in der Lektüre des entsprechenden Beitrages in «Die deutsche Frage» doch auch zu spüren, dass Haffner nicht wirklich erwartete, Moskau würde sein Ostberliner Satrapen-Regime dem Risiko freier Wahlen aussetzen. Haffners Analyse bestach durch den gekonnten Umgang mit einer Unzahl von Details, die er zu kräftigen, manchmal fast simplen Aussagen verdichtete. So gelang es ihm, fundamentale Fragen wie das Wesen der Demokratie, die Rolle der Opposition oder den Charakter moderner Parteien aus immer wieder anderen Blickwinkeln zu beleuchten. Geradezu amüsiert liest man im «Wechselwähler», wie er die Schwierigkeiten von CDU/CSU nach ihrem Gang in die Opposition beschrieben hat wohlverstanden im Jahre 1969 und nicht 1998! Anderseits verschätzte er sich nicht nur in der Resistenz der FDP als kleiner Mehrheitsbeschafferin, die sehr wohl einen Seitenwechsel wie jenen von 1982 überleben konnte, sondern auch in der Wandelbarkeit der Grünen (die er zutiefst verachtete) von einer ausserparlamentarischen Protestbewegung hin zu einer etablierten Regierungspartei. Ein Gespräch als Leitfaden Zu jener Zeit hatte Haffner seine jahrelange Arbeit als Korrespondent für den «Observer» abgebrochen und sich wieder deutschen Medien zugewandt. Im Februar 1989 interviewte ihn die damalige Studentin Jutta Krug über sein wechselvolles «Leben zwischen den Zeiten». Der Bericht ist nicht nur eine persönliche Bilanz des Autors, sondern gewährt auch Einblick in seine Arbeitsweise und sein politisches Denken. Er mag als Leitfaden zur Lektüre des grossen journalistischen und schriftstellerischen Werkes von Sebastian Haffner dienen nicht nur durch die Ausführungen im Gespräch, sondern auch durch einen längeren Essay des Haffner-Biographen Uwe Soukup. In diesem Aufsatz nimmt Soukup schliesslich auch nochmals Stellung zur Kontroverse um die Authentizität mehrerer Passagen in «Geschichte eines Deutschen». -- Neue Zürcher Zeitung
Über den Autor
Sebastian Haffner, geb. 1907 in Berlin, emigrierte 1938 nach England, wo er mit 'Germany: Jekyll & Hyde' eine scharfsinnige Analyse zum zeitgenössischen Deutschland schrieb. 1954 kehrte er nach Deutschland zurück. Zu seinen bekanntesten Werken gehören die 'Anmerkungen zu Hitler', 'Von Bismarck zu Hitler', 'Der Verrat-Deutschland 1918/1919'. Sebastian Haffner starb sechs Tage nach seinem 91. Geburtstag 1999.