Ein Buch mit nur einem Stern zu bewerten, heisst für mich so viel wie grottenschlechter Müll. Entweder haben andere Leser von Beppe Severgnini ein anderes Bewertungsschema oder finden sein Buch tatsächlich unsäglich schlecht. Oder sie wollen ganz einfach ihre Ausländerbrille nie gegen lokale Sehhilfen eintauschen. Mir haben Severgninis Betrachtungen jedenfalls gefallen. Gerade weil sie nicht so doof augenzwinkernd sind. Da ich selber acht Jahre lang in Rom und Mailand lebte, verstehe ich nur allzu gut, dass der Autor an vielen Stellen mit Wehmut zurück blickt. Aber zumindest südlich von Florenz werden rote Ampeln zum Glück noch immer überfahren, wenn der gesunde Menschenverstand überwiegt. Noch immer tauchen aus dem Nichts Mitspieler auf, wenn man mit einem Ball in einen der unzähligen Parks geht. Noch immer wackeln am römischen Liebeshügel Gianicolo die Kleinwagen, wenn es eindunkelt. Und noch immer können deutsche Frauen von ihren italienischen Konkurrentinnen lernen, wie im ganz gewöhnlichen Alltag Erotik zelebriert wird.
Dem Autor vorzuwerfen, er zeichne mit ungelenkter Hand altbekannte Klischees, finde ich unfair. Vielmehr zeichnet er Bilder, die jeder Italienbesucher erblicken kann, der aus der Reisegruppe ausschert und für ein paar Stunden auf vorprogrammiertes Sightseeing verzichtet. Die Qualität dieses Buches liegt gerade darin, dass die aufmerksame und unvoreingenommene Lektüre den Blick für das italienische Alltagstheater schärft. Als ich mir die Bemerkung nicht verkneifen konnte, Neapel sei eine kulturelle Wüste, meinte der neapolitanische Freund postwendend, sie bräuchten eben keine künstlichen Inszenierungen. Recht hat er.
Kommt Servergnini auf die gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen der letzten Jahre zu sprechen, so wird er tatsächlich wehmütig. Denn die Gesetzesflut aus Brüssel und Berlusconis Napoleonwahn taten dem Land nicht gut. Auch wenn die Selbstreinigungskraft unseres südlichen Nachbarn ausserordentlich stark ist, mehren sich die Zweifel, ob sie die europäische Gleichmacherei langfristig verhindern kann. Zu hoffen ist es. Denn der augenzwinkernde Italiener von nebenan reicht nicht aus, um sich von den Blessuren nördlicher Sittlichkeiten zu erholen. Da braucht es schon mehrtägiges Eintauchen in das kreative und lebendige Chaos italienischer Verhaltensweisen. Und ich habe kaum ein Volk erlebt, das sich Gästen gegenüber so tolerant verhält wie die Italiener. Sie dürfen am Morgen bis zum Umfallen frühstücken, am Mittag ihren Capuccino trinken und am Abend auf den zweiten Gang verzichten, sich über die Regierung lustig machen und Bier bis zum Abwinken trinken. Nur wenn halbnackte Kulturbanausen ihre Krampfadern in den Petersdom führen oder kulinarische Tiefflieger Berge von Parmesan über ihre Spagetti Vongole schütten wollen, merkt man, dass selbst die italienische Toleranz Grenzen hat.
Mein Fazit: Ein Buch, das die Wahrnehmung für Menschliches und allzu Menschliches auf so unterhaltsame und lockere Weise schult, dass das Gelernte auch in sonnenarmen Ländern den Alltag erleichtert. Beppe Severgnini dafür zu bestrafen, dass beim Karl Blessing Verlag ein Doofling den italienischen Originaltitel "La testa degli Italiani" in einen unsäglichen Werbespruch verwandelte, wäre nicht fair. Das ist kein Reiseführer und kein Nothelferkurs, sondern ein öffentliches Tagebuch mit sehr präzisen, liebevollen und kritischen Betrachtungen.