Das Buch von Doris Wolf ist in meinem Augen als Selbsthilfe-Programm nur bedingt zu empfehlen. Es weckt gleich zu Anfang sehr hohe Erwartungen. Zitat: Am Ende dieses Buches werden Sie fähig sein, ihr dauerhaftes Wunschgewicht ... zu erreichen (S. 8) . Dies ist sicher verkaufsfördernd und passt auch gut zu dem Machbarkeitswahn, der im Bereich Gewichtsregulation momentan herrscht. Es ist zwar löblicherweise kein weiterer Diätratgeber und fokussiert auf bisher in klassischen Abnehmprogrammen sträflich vernachlässigte Aspekte, hat aber die gleiche Botschaft: Wenn du dich genau an das Programm hältst, fleißig bist und übst, wirst du dein Wunschgewicht bestimmt erreichen und wenn nicht, liegt es nicht am Programm, sondern nur an dir. Ich weiß nicht, ob diese Idee wirklich hilfreich ist. Die Frage ist doch: wenn ein Programm so gut funktioniert, wie hier versprochen und dazu noch als Selbsthilfebuch auf dem Markt ist, wieso haben dann nicht schon die meisten an Übergewicht Leidenden diesen Weg beschritten und ihr Wunschgewicht erreicht? Ich verfolge da in meiner langjährigen psychotherapeutischen Arbeit mit Menschen mit (teilweise erheblichen) Gewichtsproblemen doch einen wesentlich bescheideneren Ansatz.
Das zweite was mich stört, ist die Beschreibung des natürlich Schlanken. Im Ansatz finde ich es sehr gut, den Fokus auf ein natürliches Essverhalten jenseits der kognitiven Kontrolle zu legen. Aber ich als z.B natürlich Schlanke esse durchaus nicht immer das, worauf ich grade Lust habe (wie soll das auch gehen im Alltag), ebenso höre ich nicht unbedingt auf, wenn ich satt bin, ich esse eher selten Süßigkeiten aus Hunger, sondern ganz normal eher aus Lust, weil welche da sind oder aus liebgewonnener Gewohnheit. Ein in meinem Augen doch sehr schwer zu erreichendes Vorbild des natürlich Schlanken zu zeichnen, geht doch eher wieder in die Richtung der Gebote und Verbote. Iss nur wenn du Hunger hast und immer genau das, worauf du Lust hast, ist ähnlich dogmatisch (und schwer zu erreichen) wie iss nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Meiner Erfahrung nach ist dieses für Übergewichtige altbekannte Alles-oder-nichts-Prinzip ziemlich kontraproduktiv.
Mag sein, dass einige Personen mit den Ratschlägen aus diesem Buch ihr Wohlfühlgewicht tatsächlich erreichen und auf Dauer halten können, es ist ihnen auf jeden Fall zu wünschen. Aber diejenigen, die trotz Lektüre weiterhin mit ihrem Übergewicht kämpfen, sollten nicht an sich selbst zweifeln, sondern eher daran, dass man den komplexen, körperlich-seelisch bedingten Störungen der Energieregulation unseres Körpers so einfach mit einem standardisierten Programm begegnen kann.