"Übergebt sie den Flammen" von Tilman Röhrig
-welch ein ergreifender und anrührender Roman über menschliche Wege und Irrwege inmitten der extremen Wirren der Reformation!
Schon das Vorwort zeigt die behutsame Recherche und Annäherung des Autors an die Geschichte mit den historisch verbürgten Personen:
Johann Klopreis, ein Geistlicher, sein Freund und Mentor Adolph Clarenbach und Wendel Heix stehen im Spannungsfeld dieser zerrissenen Zeit.
Flammen fassen am Romananfang nach den verbotenen Büchern Martin Luthers auf dem Domhof in Köln, markieren den Scheideweg von Johann Klopreis und am Ende des langen dramatischen Lebensweges erfassen sie ihn selbst:
"Wo Bücher brennen, brennen auch Menschen..."
Dazwischen spannt sich nicht nur kunstvoll der erzählerische Spannungsbogen, auch die Fragen des Vorworts füllen sich:
"Wieviel Fuß liegen zwischen dem Leben und dem Tod? Wer misst diese Strecke?"
Der Leser erlebt diese Geschichte hautnah mit, versteht es doch der Autor, auch durch außergewöhnliche Blickführung und wiederholten bewegenden Perspektivenwechsel das komplexe Geflecht zwischen Außen- und Innenwelt der Figuren uns "vor Augen" zu führen. Kunstvoll fließen hier auch Form und Inhalt zusammen, zumal in einem Gewaltsystem die "Lippen die Wahrheit verbergen" müssen:
Wer hat schon als Leser aus der Perspektive eines Henkers die Welt wahrgenommen, der das Feuer des Scheiterhaufens wie einen Gral hütet - und begreifen können, dass dieser als gesellschaftlich Ausgegrenzter seine Angst und Unterdrückung in eigenen Machtmechanismen kompensiert?
Mit Johann Klopreis gehen wir durch die extremen Stationen seines Lebens, erleben, wie er durch ein Missverständnis in das Lager der "Ketzer" gedrängt und von Adolph Clarenbach mit dem Gedankengut Martin Luthers vertraut gemacht wird ("Das Lesen ist ein Anfang."), hören seine gewagten Predigten, spüren das Dunkel, als der Kölner Dom ihn- der Ketzerei bezichtigt- "wie ein Maul" verschluckt...; erkennen aber auch, wie leicht religiöser Fanatismus ihn fasziniert und erleben seine kontinuierliche Entfremdung, als er dem "Wortrausch" Zwinglis verfällt, sich in die "grellen Bilder" der Apokalypse stürzt, dabei den "Regenbogen" verliert und schließlich im Sog der Wiedertäufer heillos versinkt...
Mit Wendel Heix, biographisch nur mit einer Randbemerkung bedacht, gestaltet Tilman Röhrig unverwechselbar eine seelenvolle, faszinierende Frau, die zur eigentlichen Hauptfigur -auch durch die Figurenkonstellation - wird, ein "Riesenweib", deren unerhörter Wunsch, Fährmann zu werden, als Metaphorik ihres Lebens gedeutet werden kann. Als Riesenweib lässt sie sich von Ich-Stärke, Lebensfreude, Verantwortungsgefühl und einer sicheren Intuition treiben und leiten...
Wir spüren ihren Mut, ihre Liebe zu Johann höher zu setzen als jede Konvention und Ausgrenzungen selbstbewusst zu ertragen, die unselige Allianz von Kirche und Staat, die auch nach ihrer Freiheit greift, auf ihre Art klug abzuwehren...
Johanns emotionale Gefährdung erkennend, legt sie ihm immer wieder liebevoll schützend ihren Ariadne Faden aus..., vergeblich, ein unermesslicher Leidensweg beginnt...
In vielen dichten poetischen Bildern, anrührenden Szenen, gestaltet der Autor die dramatische Geschichte um Wendel und Johann: Szenen des Glücks, der Wärme, der Freundschaft, menschlicher Nähe und Distanz, der Sehnsucht und der Angst...
Am Ende des Buches angelangt, spannt sich für mich das Vorwort zu einem Nachwort: Die dichten , ergreifenden Bilder dieser Geschichte fließen in den "begonnenen Tag"...
Mögen viele Leser von diesem außergewöhnlichen Roman mit seinem immer gültigen Zeit- und Menschenbezug ergriffen werden!