Ich las das Buch nach einem Psychiatrieaufenthalt mit Fehldiagnose im Jahr 2007. In diesem Kontext hat es mir wirklich damals sehr weitergeholfen. Denn mich beschäftigten zur damaligen Zeit besonders zwei Fragen, die mit meinem vorhergehenden Aufenthalt auf einer psychiatrischen Station einhergingen. Zum einen drängte sich mir die Frage auf, wie ich nur solchen Wahnideen (?) folgen konnte (Ich hatte aus verständlichen Gründen angenommen, überwacht zu werden und dazu immer wieder scheinbare Beweise gefunden). Auf der anderen Seite war für mich das Zustandekommen der Diagnose (endogene Psychose) ein echtes Rätsel (Es gab nie Halluzinationen, Wahnvorstellungen oder unbegründeten Verfolgungswahn, die für eine solche Diagnose notwendig gewesen wären).
In der Zwischenzeit hat sich viel getan. Letztes Jahr hat die Psychiatrie ihren Fehler eingeräumt, ihr droht sowohl von mir als auch meiner Krankenkasse eine Schadensersatzklage. Als Pferdefuß bei meiner ganzen Geschichte hatte es sich erwiesen, dass man damals auf eine Eigenanamnese komplett verzichtete (Sprich man hat sich nicht mit mir unterhalten). Man hatte sich bei einer Angehörigen informiert (Fremdanamnese) und ihre Darstellung komplett übernommen. Was insofern besonders dramatisch war, als es zum Teil drastische Ausschmückungen und Fehlinterpretationen gab, auf der anderen Seite dann aber ganz wesentliche Aspekte einfach ausgelassen wurde, da es für sie blinde Flecken gab. So wurde ein halbes Jahr lang mit harten Medikamenten an mir experimentiert, für die nie irgendeine Indikation vorlag und von denen klar war, dass sie das tatsächliche Problem (PTBS) verschlimmern würden. Dies alles unter der gut gemeinten Idee, man könne psychotische Symptome behandeln.
Das Buch von Hans Geißlinger handelt davon, wie Wirklichkeit inszeniert werden kann. Damit ist gemeint, wann eine Menschenmenge an eine bestimmte Realität glaubt. Zu einem Höhepunkt gehört eine Vortragsreihe, bei der das Gerücht gestreut wird, das einer der Vortragenden völligeb Unsinn von sich geben würde. Nun' gerieten dadurch eigentlich anerkannte Koryphäen unter Verdacht, damit unter einer Decke zu stecken. Der Band versammelt Beiträge verschiedener Autoren, die solche die Wirklichkeitswahrnehmung betreffende Streiche spielten.
Viele Mechanismen der Wahrnehmungen von mir als auch dem Psychiatriepersonal erkannte ich darin wieder. Das Buch inspiriert dadurch, dass es im Gegensatz zu allen mir bekannten konstruktivistischen Büchern nicht bei kleinen Fallbeispielen zwischen viel Theorie bleibt, sondern der Fokus gerade auf der Beschreibung der Praxis bleibt.
Inzwischen ist es leider nur noch beim Verlag in elektronischer Form zu erwerben, zur damaligen Zeit war es in physischer Form noch erhältlich.