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Über mein Land: Russlands Weg ins 21. Jahrhundert
 
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Über mein Land: Russlands Weg ins 21. Jahrhundert [Taschenbuch]

Michail Gorbatschow
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Gorbatschews neueste Apologie

Eine Lanze für die Sowjetunion – Abrechnung mit Jelzin

Auch bald neun Jahre nach dem Verlust jeglicher Macht wird der erste und letzte Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschew, nicht müde, die von ihm 1985 als frischgebackenem Generalsekretär der KPdSU lancierte Politik der Perestroika und Glasnost als historische Wende zu dem damals ohne Unterlass verkündeten «neuen Denken» und damit zur Demokratisierung des Sowjetstaates anzupreisen. Im weiteren hält er in seinen öffentlichen Äusserungen unbeirrt an der Ansicht fest, die Sowjetunion sei zu «retten» gewesen. Als Hauptverantwortlichen für das von ihm beklagte Verschwinden des Sowjetstaates von der Weltkarte nennt er – wie könnte es anders sein? – seinen langjährigen Herausforderer und Machtrivalen Boris Jelzin. Um die Perestroika und die letzten Züge des Sowjetreiches als Staat geht es auch in dem neuesten Buch von Gorbatschew mit dem Titel «Über mein Land».

Verteidigung der Oktoberrevolution

Der Autor hält an der Meinung fest, die Oktoberrevolution sei im Grunde von Gutem gewesen. Während es der Ablauf der damaligen Ereignisse nahelegt, sie als einen von wenigen Berufsrevolutionären gekonnt angezettelten Putsch zu betrachten, schreibt er, der Umsturz sei das Ergebnis einer Erhebung breiter Schichten der durch Krieg und Instabilität verarmten und demoralisierten Bevölkerung gewesen. Vor dem Hintergrund dieses Gedankenschemas ist es nicht weiter verwunderlich, dass Gorbatschew den Animator und Hauptverantwortlichen der blutigen Revolution vom 25. Oktober / 7. November 1917 und ihrer noch viel blutigeren direkten Folgen, Lenin, in denkbar günstigem Licht erscheinen lässt. Der erste Sowjetführer wird von der Verantwortung für den Bürgerkrieg, der Millionen von Menschen das Leben gekostet hat, quasi reingewaschen. Ebenso wird verschwiegen, dass die Geburtsstunde der Staatsterrors sowjetischer Prägung in die Zeit von Lenins fast unumschränkter Herrschaft fiel. Auf diese Weise ist es leicht, die Schuld für alle Übel, vom millionenfachen Justizmord bis zur Überbürokratisierung, dem längst überführten Schwerverbrecher Stalin in die Schuhe zu schieben.

Verzicht auf Unterdrückung

Gorbatschew widmet den vom dokumentarischen Gehalt her wohl gewichtigsten Teil seines Buches der politischen Entwicklung in seinen beiden letzten Amtsjahren, 1990 und 1991. Der Ablauf der Ereignisse, der schliesslich im Dezember 1991 in die Auflösung des Sowjetstaates mündete, war an dramatischen Konvulsionen nicht arm. Nationalitätenunruhen in nichtrussischen Gebieten, Massendemonstrationen in russischen Städten und, schliesslich, der Augustputsch von 1991 liessen das Bild eines Regimes im Zustand der Agonie aufscheinen. Gorbatschew hat es jedoch vermieden, in jener Phase, in der ihm, zumindest bis zum 19. August 1991, militärische Machtmittel zu Gebote standen, massiv gegen aufbegehrende Russen und Nichtrussen vorzugehen. Er hat damit, so kann angenommen werden, grösseres Blutvergiessen vermieden, was ihm gewiss hoch anzurechnen ist. Ähnliches kann von seinen Machtnachfolgern Jelzin und Putin nicht gesagt werden. Für die Gewalteruptionen, zu denen es in Tiflis (bereits 1989) und Vilnius kam, lehnt er, wie schon damals, jede direkte Verantwortung ab. Er wiederholt vielmehr seinerzeit öffentlich angestellte Vermutungen über Machenschaften von Betonköpfen um das Politbüromitglied Ligatschew und Verteidigungsminister Jasow.

Der Schiffbruch des Unionsvertrages

Ausführlich schildert Gorbatschew auch seine Bemühungen um den Abschluss eines Unionsvertrages, mit welchem der Sowjetstaat in seinen hergebrachten Umrissen, allerdings zuletzt unter Verzicht auf das nicht mehr zu haltende Baltikum, hätte am Leben erhalten werden sollen. In einem – freilich von mehreren nichtrussischen Sowjetrepubliken boykottierten – Referendum wurde das Vertragswerk schliesslich am 17. März 1991 mit klarem Mehr (76,4 Prozent der Stimmen) gutgeheissen. Auf die Volksabstimmung folgte ein langwieriger Streit um die Benennung des «neuen» Staates, der nach Gorbatschews ursprünglichen Vorstellungen sich noch sozialistisch hätte nennen sollen. Die Diskussion kreiste in der Folge um unverbindliche Formeln, die der Benennung «Gemeinschaft unabhängiger Staaten» (GUS) auffallend nahe kommen. Eine formelle Entscheidung kam nicht zustande und wurde letztlich durch die Auflösung der Union obsolet.

Gorbatschew bedauert diese Entwicklung, für die er nicht zuletzt Intrigen und Unehrlichkeiten Jelzins verantwortlich macht, zutiefst und schliesst mit den Worten: «Die Union wäre zu retten gewesen. Die Gründung einer neuen Union ist möglich.» Als Mitgliedstaaten stellt er sich die drei slawischen Ex-Sowjetrepubliken Russland, Ukraine und Weissrussland sowie Kasachstan vor. Er kann sich anscheinend auch heute noch nicht zur Einsicht durchringen, dass die Existenz des Sowjetstaates, und zuvor auch die des russischen Reiches, nie auf breiter und von den Völkern des Landes als solche empfundener Legitimität beruhte.

Christoph Güdel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Die Zeit, 11.05.2000
Klaus Bednarz macht aus seiner Enttäuschung über dieses Buch keinen Hehl. Er geht sogar so weit, dass er die Vermutung äußert, Gorbatschow habe möglicherweise die "Realität in Russland aus den Augen verloren", zumindest da, wo der Autor die Zukunft Russlands in einer Union mit Weißrussland, der Ukraine und Kasachstan sieht. Auch sonst kann Bednarz dem Buch nur wenig abgewinnen. Er vermisst Visionen, neue Erkenntnisse. Stattdessen scheine es dem Autor vor allem darum zu gehen, dass auch nachfolgende Generationen seine Verdienste anerkennen. Diese Verdienste will Bednarz keineswegs leugnen. Ihn stört jedoch die "Selbstgerechtigkeit und Blindheit eigenen Fehlern und Irrtümern gegenüber" und nennt als Beispiel dafür Gorbatschows Verhalten gegenüber den nach Unabhängigkeit strebenden baltischen Staaten. Dies mache den Leser "nur noch ratlos", resümiert Bednarz.

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Kurzbeschreibung

Als Kenner der politischen Vergangenheit seines Landes betrachtet Michail Gorbatschow die Oktoberrevolution von 1919, Aufstieg und Fall der Sowjetunion sowie die Perspektiven Russlands im 21. Jahrhundert. Eindrucksvoll charakterisiert er Schlüsselfiguren wie Lenin, Stalin und Jelzin. Mit seiner Analyse der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts wirbt er zugleich für ein besseres Verständnis für die Probleme des ehemaligen Sowjetstaates.

Über den Autor

Michail Sergejewitsch Gorbatschow wurde am 2. März 1931 in Priwolnoje geboren. Als Generalsekretär der KPdSU und Staatsoberhaupt der Sowjetunion leitete er eine radikale Wende in der sowjetischen Außen-und Innenpolitik ein, die zu einem völligen Wandel des Ostblocks und zum Ende des Kalten Kriegs führte.1990 erhielt er den Friedensnobelpreis.
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