Der Theologe und Philosoph Friedrich Schleiermacher hat 1799 dieses kleine Büchlein veröffentlicht, worin er aus subjektiver Sicht über sein Verständnis von Religion und Religionen berichtet.
Das Buch ist in fünf Teile gegliedert:
Erste Rede: Apologie
Zweite Rede: Über das Wesen der Religion
Dritte Rede: Über die Bildung zur Religion
Vierte Rede: Über das Gesellige in der Religion oder über Kirche und Priestertum
Fünfte Rede: Über die Religionen
In der ersten Rede stellt sich der Redner vor. Er macht zwar deutlich, dass er von Beruf Theologe sei, distanziert sich aber von diesem Berufszweig, denn er will als "Mensch... von den heiligen Mysterien der Menschheit" reden. Dieses sein Reden von der Religion geschieht allerdings nicht beliebig, sondern hinter seinen Reden steht eine "unwiderstehliche Notwendigkeit", die zu seiner Natur gehört, und das ist, was seine Stelle im Universum bestimmt und ihn zu dem macht, was er ist. Er ist davon überzeugt, zeigen zu können, dass Religion eine Sache ist, die nicht veralten kann. Religion nämlich ist dem Menschen als Menschen eigen. Sie kann "in den innersten Tiefen" gefunden werden. Sie geht aus den "Anlagen des Menschen" hervor. Bereits in der ersten Rede wird Gewichtiges über die Religion selbst gesagt.
In der zweiten Rede sucht Schleichermacher das Wesentliche und die Eigenständigkeit der Religion zu suchen und sie aus allen unsachgemäßen Vermischungen zu lösen. Die beiden Größen, von denen Schleiermacher die Religion geschieden haben will sind Metaphysik und Moral. Das Ziel der Metaphysik ist nach Schleiermacher, "die Notwendigkeit des Wirklichen" zu deduzieren. Der Religion geht es nicht um solche Deduktionen. Es geht ihr auch nicht um ewige Wahrheiten". Es gibt zwar "Theoretiker der Religion", die das meinen. Aber sie sind tatsächlich Metaphysiker und haben mit Religion wenig zu tun. Auf der anderen Seite soll Religion von der Moral geschieden sein, deren Charakter das Gesetz ist. Die Religion aber "darf das Universum nicht brauchen, um Pflichten abzuleiten, sie darf keinen Kodex von Gesetzen enthalten". Schleiermacher versucht zu zeigen, wie die Moralisten in den Religionen Gott zum Gesetzgeber machen, "damit dieses große Werk (die Moral) nicht anonym bleibe, sondern vor einem herrlichen Kodex das Bild des Gesetzgebers könne gestochen werden." Wenn man die Moral und die Metaphysik als die schneidenden Gegensätze zu Religion erkennt, gelangt man zu der Eigenart der Religion. Das Dritte zu Metaphysik und Moral wird von Schleiermacher genannt, und das ist die Religion als Anschauung und Gefühl. Sowohl die Anschauung wie das Gefühl beziehen sich auf das Universum. Das Universum aber ist das eigentlich Lebendige und Handelnde in dem Akt der Religion. Und so entsteht die berühmte Definition von Schleiermacher: "Religion ist Sinn und Geschmack für Unendliche". Das "Ganze" ist es, um das es in der Religion geht, und darum kann das "Einzelne" in seiner Eigenart sichtbar werden. Mit der Religion geht es um "Unmittelbarkeit" zum Universum.
In der dritten Rede steht Schleiermacher vor der Frage, wie es zu einer Weckung von Religion im Menschen kommt. Der äußere Anschein war zur Zeit Schleiermachers, wie zu allen Zeiten, so auch heute, dass man mit dem Versickern des Stromes der Religion meinte unmittelbar rechnen zu müssen.
Nach Schleiermacher kann man sich angesichts des "allgemeinen Treibens und Drängens" nicht wundern, dass die Religion zurückgeht. In der bürgerlichen Welt ist weder Zeit noch Kraft sich ihr intensiv zu widmen vorhanden. Diese Analyse Schleiermachers über das Verhältnis von Religion und bürgerlicher Welt trifft noch vielmehr auf unser Zeitalter mit seinem kapitalistischen System zu. Denn auch hier wird der Trieb des religiösen Menschen "in behaglicher, untätiger Ruhe nachzuhängen" missachtet, "denn aus dem Standpunkt des bürgerlichen Lebens ist dies Trägheit und Müßiggang. Absicht und Zweck muß in Allem sein, sie müssen immer etwas verrichten, und wenn der Geist nicht mehr dienen kann, mögen sie den Leib üben; Arbeit und Spiel, nur keine ruhige, hingegebene Beschauung". Und dennoch ist das Universum tätig. Die Religion ist nicht abgeschafft. Sie ist "ein Kontinuum" im Menschen und als solches "ununterbrochen wirksam und lebendig". Die ständige Wirksamkeit der Religion aber liegt ganz jenseits "des Lehrens und Ausbildens". Die Religion lässt sich ebenso wenig lehrhaft weitergeben wie der "Sinn für die Kunst". Damit leugnet Schleiermacher die Wirksamkeit von Religionsunterricht, denn nach Schleiermacher bildet das Universum "sich selbst seine Betrachter und Bewunderer". Dem kontinuierlichen Tätigsein des Universums entspricht die "religiöse Anlage des Menschen, mit der er geboren wird wie mit jeder anderen Anlage". Aber die Vermittlung zwischen dem Universum und dieser Anlage steht in Frage. Diese Vermittlung ist der "Sinn". Und dieser Sinn, und das gibt Schleiermacher unumwunden zu, ist dem aufgeklärten Verstande konträr.
In der vierten Rede übt Schleiermacher eine scharfe Kritik an der institutionalisierten Kirche, der er "Irreligiösität" vorwirft. Der Weg, den Schleiermacher nimmt, um diese Kirche zu charakterisieren, ist der von der Gemeinde aus, die ewig unselbständig Glaubenshilfen und Belehrung sucht. Sie missversteht das Geschehen von Verkündigung und macht selbst keine Erfahrung von Religion. Und deshalb wird "in der Tat die Kirche den Menschen um so gleichgültiger, je mehr sie zunehmen in der Religion, und die Frömmsten sondern sich stolz und kalt von ihr aus. Es kann in der Tat nichts deutlicher sein: man ist in dieser Verbindung nur deswegen, weil man keine Religion hat, man verharrt darin nur so lange, als man keine hat". Die Konformität und der Glaubensgehorsam sind die Übel in diesen Kirchen. Diese mechanische Methode in den Kirchen führt zur Unmündigkeit der Gemeinde und zur Seelenlosigkeit der Religion. Auch die Glaubenskriege, die Inquisition, die Spaltereien, die Verbrechen der Kirchen, die Intoleranz der Gläubigen sind nicht das Resultat von Religion, sondern ganz und gar das Eigentum der institutionalisierten Kirchen.
In der fünften Rede zeigt Schleiermacher, dass er trotz seiner individuellen Definition von Religion sich dessen bewusst ist, dass es die Religion nur in den Religionen gibt. Nachdem er in der vierten Rede die "Vielheit der Kirchen" abgelehnt hat, erkennt in der fünften Rede die "Vielheit der Religionen" an. Die Religion lässt sich empirisch nur da untersuchen, wo sie in der Geschichte manifest geworden ist, auch wenn sie oft in "dürftiger Gestalt unter den Menschen erschienen" ist, aber nur "in den Religionen sollt Ihr die Religion entdecken". Die Einheit der Kirchen ist die Voraussetzung und ein besseres Fördermittel für den Dialog und Austausch der verschiedenen Religionen. Das heißt, es ist ein "eitler und vergeblicher Wunsch, dass es nur eine Religion geben möchte". Religion kann also nur möglich sein in einer unendlichen Menge verschiedner Formen". Das Typische dieser Auffassung Schleiermachers ist das Festhalten daran, dass "jede solche Gestaltung der Religion... eine eigene positive Religion" ist. Dabei ist es völlig gleich, ob diese Religion viele Anhänger oder nur einen findet. Die Wirklichkeit der Religion besteht in der Vielheit der qualitativ unterschiedenen Religionen. Dieser Ursprung ist "etwas höchst Willkürliches". Damit hat Schleiermacher den tiefsten Punkt der Religion erreicht, nämlich ihre unendliche Pluralität.
Schleiermacher zeigt, dass man sich als religiöser Mensch von der Kirche emanzipieren muss, in der die Tradition und die religiösen und moralischen Vorschriften Vorrang vor den Gefühlen haben.