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... was in meinem Herzen geschieht" schrieb Stendhal (Marie-Henri Beyle /1783-1842) an Balzac über sein 1822 veröffentlichtes Werk. Ich denke ich fühle, so scheint seine Maxime zu sein, die im Prinzip eine nicht vollständig verarbeitet Philosophie des Scheiterns ist. Stendhal, unglücklich und unerwidert verliebt in die Mailänderin Mathilde Dembowski, stellt fest, dass nur Liebende dieses Reden über die Liebe verstehen. Nur schien es im Jahre 1822 nicht viele zu geben, denn die zweite Enttäuschung folgte: hat doch die zweibändige Edition "kaum hundert Leser" gefunden. Geholfen hat ebenso nicht die Beziehung zum Gelderwerb, wenn er feststellt: "wird einem, der sein Geld auf der Börse oder in der Lotterie gewinnt, das Buch weniger verschlossen sein. Denn diese Art von Gelderwerb verträgt sich sehr wohl mit der Gewohnheit, stundenlang einer Träumerei nachzuhängen ..."
Dennoch scheint er sein eigenes Unbehagen an diesem Text geahnt zu haben. Schreibt er doch im Vorwort, "Ich bitte den Leser um Nachsicht wegen der sonderbaren Form dieser Physiologie der Liebe" und an anderer Stelle wird deutlich, dass er ausdrücklich von einer Voraussetzung ausgehend, Verständnis zum Buch erwarten könne, einer Voraussetzung, die an eigenes Erleben in derselben Sache erinnert. Für "vorbehaltlos leidenschaftlich Liebende" sei sein Buch und doch mimt er in seiner ganzen Aufmachung einen wissenschaftlichen Charakter. So liegt es nahe, Liebe in Kategorien zu teilen, von leidenschaftlichen, der galanten zur rein sinnlichen Liebe. Ihr folgt die Liebe aus Eitelkeit, die ein Weib zum Luxusartikel degradiert. "Welche Lust, sie zu küssen", ein Ausruf des Inneren ist neben Bewunderung und Hoffnung Triebfeder zur Entstehung der Liebe. Doch ihre wichtigste Voraussetzung ist die Kristallisation. Die Kristallisation, in bunten Bildern aus den Salzburger Salzgruben beschrieben, wird dann doch zu einer "Tätigkeit des Geistes, in einem jeden Wesenszüge eines geliebten Menschen neue Vorzüge zu entdecken." Und doch folgen wieder die sinnlich anmutenden Beschreibungen, die die offensichtlich sachlich wissenschaftliche Sehweise torpediert. Denn Kristallisation, erst noch als Metamorphose erkennbar, wird dann zu einem der persönlichen Natur entspringenden Verlangen nach Lust, zu einer daraus unkritischen Bewunderung der Vollkommenheit der Geliebten (Vollkommenheit = Schönheit bei Platon) und dem eitlen Besitz: "Sie ist mein!"
Und so mäandert er zwischen seiner eigenen Leidenschaft des Gefühls zu einem durch Leidenschaft beeinflussten Denken, welches seine Sinnes-Leidenschaft erklärbar machen soll, versucht zwischen Trieb und Scham sich zu positionieren und verliert sich in anhaltende Geschwätzigkeit seiner unerfüllten, unerwiderten Liebe. Nichts entgeht seiner Analyse, so meint er, ist doch er bester Beobachter weiblicher Tugenden, Untugenden und Verhaltensweisen, immer mit dem Hintergrund wahrhaftiger, wissenschaftlicher Analyen, die natürlich den Prozessgedanken nicht vermeiden lassen, führt doch die erste Kristallisation in die Zweite. Kein Zweifel! Sie liebt mich. Sollten Zweifel sich nicht ausräumen lassen, steht die Hoffnung ein, ein weiterer Diamant der Kristallisation. Genug dessen.
Stendhal hat den Kopf voller Theorien, aber er hat keine theoretische Begabung. Als versuchter Systematiker scheint er durch heißes Bemühen getrieben. Wie er sich dreht und wendet, immer wieder muss alles eins werden: Kristallisation. Wie erschrak Parmenides, als er entdeckte, die Wirklichkeit ist Eines. Stendhal ist eben Erzähler, fragt man sich, ob seine Theorien richtig seien, fällt sofort auf, dass er sie aus einer Täuschung gebar. Seine Theorie ist nicht so blind wie man es der Liebe zu schreibt, sie ist mehr, sie geht durch Halluzination schon über das Blinde hinaus. Übertrieben führt er die Gedanken der Welt weiter, die Subjekt-Objekt-Spaltung wird umrahmt vom Idealismus und Pessimismus. Für ihn scheinen normale Funktionen Sonderfälle von Anomalien, wie Ortega y Gasset mal schrieb, und so ist seine Kristallisation eben pessimistisch. Die Erklärungen werden durch Gegensätze bestimmt (Hegel), so lässt sich Leben durch Tod erklären, der Kampf ums Dasein als höchst vitale Kraft. Stendhals Leben scheint vielleicht voll falscher Liebe, nicht geliebt worden zu sein, nicht lieben zu können ist sein Dilemma. Das trübe Wissen um die Falschheit erzeugt den Wohlklang seiner Worte. Stendhal schreibt aus der Sicht der Erkenntnis von Liebe, also von hinten, das Ende der Liebe ist der Anfang des Denkens. Die Liebe stirbt, weil die Geburt ein Irrtum war. Für Stendhal gilt die Liebe als gemacht, wie in den Veränderungen an einem Zweig in der Salzgrube, ist Liebe von Außen bestimmt. Und in all seinen Ausführungen zeigt er, Liebe ist endlich. Beides Indizien einer Pseudoliebe. Magische Elektrizität entfällt.
Eigentlich ist dieses Werk ein Tagebuch, intim, wechselnd als Erzählung, logisch im Versuch, reflektierend, spontan, ein Bekenntnis. Einfluss hatte es erst spät am Ende des 19. Jahrhunderts. "Die Liebe ist eine köstliche Blume, aber man muss den Mut haben, sie am grausigen Rande eines Abgrundes zu pflücken... ". Diesen Mut Nietzsches und dessen Bereitschaft, Scheitern als möglich zu betrachten, hatte Stendhal offensichtlich nicht.