Unter diesem Leitsatz entwickelt Alexander Demandt seine deutsche Kulturgeschichte. Das Thema, das sich für den Leser daraus ergibt ist die Frage "Was ist Deutsch?". Allein mit der Lektüre dieses Buches scheint man schon Goethes Ausspruch gerecht zu werden. Aber auch mit Erfolg? Wie jedes wissenschaftliche Werk kann auch dieses eigentlich nicht deswegen kritisiert werden, weil es mehr über den Verfasser verrät als über den Gegenstand seines Schaffens. Wagen wir es trotzdem, muss man dabei unbedingt berücksichtigen, dass der Autor eigentlich Althistoriker ist und seine Interessen und Schwerpunkte klar in diese Richtung tendieren. So fällt es grundsätzlich etwas negativ ins Auge, dass der Epoche der Antike angesichts des Umfangs des behandelten Themas nach meinem persönlichen Dafürhalten etwas zu viel Platz eingeräumt wurde. Da von einer einheitlichen Begrifflichkeit "Deutschland" selbst im späten Mittelalter noch lange keine Rede sein konnte, sollte der antike Kulktureinfluss vielleicht nicht derart überbewertet werden. Sehr positiv und sinnvoll hingegen erscheint die Gliederung in methodisch einheitliche Sachgebiete. Innerhalb dieser Kapitel erfüllen die ersten die ,zumindest von mir gehegten, Erwartungen sehr gut, indem nicht Ereignisse und Daten, sondern Tendenzen, Strömungen, Eigenheiten und Entwicklungen beschrieben werden, wie nur sie eine Kultur ausmachen und uns der Beantwortung der anfangs gestellten Frage näher bringen. Dabei mag es ein wenig erstaunen, dass zur Verdeutlichung dieser Kultur ein Kapitel "Die Deutschen und der Wald" angesetzt wurde, doch mag sich dies erneut aufgrund der persönlichen Interessen des Autors erklären. Möglicherweiseist dieses Them nicht ganz so schwerwiegend für die deutsche Kultur, wie es hier wirkt, interessant ist es allemahl - vielleicht der gelungendste Abschnitt des ganzen Buches überhaupt. Insgesamt besticht die kleine Kulturgeschichte in diesen ersten Kapiteln nicht nur mit hohem Informationsgehalt und angenehmer Sachlichkeit, sondern auch mit sprachlichem Witz und rhetorischer Eleganz. Letztere hält zwar bis zum Schluss an, doch verliert das Buch in den späteren Kapiteln zusehends seinen Reiz: Zunhemend gewinnen nüchterne Aufzählungen von Fakten, Jahreszahlen und Ereignisgeschichte an Boden (Kapitel über Literatur, Technik, Staat). Nicht mehr Gesamtzusammenhänge werden aufgezeigt, sondern Schlachten, Reformen und Staatsmänner staccatohaft und dicht gedrängt heruntergeleiert.Das eigene Desinteresse des Autoren spricht aus jeder Zeile. Obwohl hierbei die oft gleichsam liebevoll gepflegte, wie unsachliche Emotionalität deutscher Historiker insbesondere gegenüber denZeite zunehmen, je näher sie dem Nationalsozialismus liegen, erfreulicherweise gänzlich fehlen, fragt es sich, ob es nicht angemessener gewesen wäre, wie schon in den ersten Kapiteln mit Fragen nach Denkschulen, der Entwicklung der föderalen Territorialität, dem vieldiskutierten deutschen Sonderweg (bzw. der nicht minder interesanten Forschungsgeschichte zu diesem Bereich)sowie der vielbeschriehenen Vergangenheitsbewältigung nachzugehen. Die Entäuschung des Lesers verwandelt sich endlich in pure Enttäuschung, wenn auf den letzten Seiten eine zusammenfassende Kernaussage erwartet wird, die Meinung und Ansichten des Autoren griffig rekapitulieren könnte. Vielmehr lässt Demandt zum Schluss wieder den Pessimisten Goethe zu Wort kommen und resümiert: den Deutschen sind zwar einige bewundernswerte Einzelleistungen gelungen, im Ganzen aber sind sie das Produkt des Einflusses anderer Länder und Völker und müssen, stellt man sie diesen vergleichend gegenüber, stets peinlich berührt zurückstehen. Als Ausweg aus diesem Dilemma empfiehlt der Verfasser dem Leser, den deutschen Kulturbegriff zugunsten eines weitgefassteren Kosmopolitismus aufzugeben. Ganz davon abgesehen, dass es auf so ziemlich alle Kulturen der Erde zutrifft, Produkte äußerer Einflüsse zu sein, wirkt dieses Urteil nach all den gelieferten Fakten eher niederschmetternd. Natürlich mag man dem Autoren darin folgen (ich jedenfalls tue es nicht), doch macht sich völlige Verzweiflung breit, wenn sich Demandt in seinen Abschiedsworten frech davonstiehlt und einen völlig verdatterten Leser mit offenstehendem Mund zurücklässt. Vielleicht wäre es besser gewesen, sich zum Schluss jedes Kommentars zu enthalten und dem Leser ein endgültiges Urteil selbst zu überlassen. Schade, das Ergebnis wäre wahrscheinlich weit weniger desolat gewesen.