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Philosophieren heißt sterben können, könnte man meinen, wenn man auf Montaigne, Cicero oder Platon zurückgreift. Epikur sieht klar, das am Tod nichts zu fürchten sei.
Nichts liegt Ernst Tugendhat ferner, als sich der bisherigen Philosophie zusammenfassend zu nähern. Doch die Frage, ob Philosophie zum Todesverständnis beitragen kann, ist ihm doch ein Anliegen, welches zu klären gilt. Ausgehend von der Gegenüberstellung zweier Ansichten, nämlich Heideggers Ideen aus >Sein und Zeit< und Nagels Aufsatz >Über das Leben, die Seele und den Tod< nähert er sich und zwar bewusst subjektiv dem Fall und schließt a priori aus, dass ein Leben nach dem Tode gegeben ist. Es bleibt die Frage nach Nagel, ob und wieso der Tod ein Übel ist. Und Heidegger sagt, vor dem Tod müsse man sich ängstigen. Warum? Dazu sagt er nicht und daher setzt er dieses als Faktum voraus, ohne es verständlich zu machen. Die Unterschiede beider Ansätze werden mit Hilfe von Aristoteles' >>Worumwillen<<, gemeint ist der Zweck des Handelns erklärt. Bei Heidegger ist es das eigene Sein, "das Leben ist der äußerste Bezugspunkt alles seines Wollens", und kommt damit dem konsequenten Willen im Sinne Nietzsches (vgl. Robert Kunert) sehr nahe.
Bei Heidegger erfahren wir weiter vom >Das Nicht<, von der >Nichtigkeit<, bei Nagel sprechen wir von Übel, Gut, Güter, die das Leben oder den Tod beschreiben als gut oder schlecht. Der Tod ist das Übel, das Leben das Gut, was es zu erhalten gilt. Damit ist ein Weiterleben-Wollen nicht mehr als eine Güterabwägung..
Nichts von dem befriedigt wirklich, wenn man auf die Betrachtung des Anteils des Menschen und seines Tun verzichtet Damit ist man nicht bei dem Guten und Bösen an sich, sondern in der Betrachtungsweise der Verhaltensweise des Menschen gegenüber dem Leben, welche es dazu - so oder so - macht. Es geht um Leere vs. Ausfüllen, um Sinnlos vs. Sinn geben. Im Rückspiegel betrachtet, geht es um das gelebte Leben aus der Perspektive der Todesstunde. Zu diesem Zeitpunkt kann man zweierlei feststellen, nämlich, dass man dem Leben keinen Sinn gegeben hat und nun die Verlängerung des Lebens benötigt, um Sinn zu geben oder nach Mehr-Sinn zu streben. Die Angst vor dem Tod wird durch die Angst, falsch gelebt zu haben und nichts mehr verändern zu können, ersetzt. Oder man hat dem, seinem! Leben nachhaltig Sinn gegeben, es ausgefüllt und jedwede Angst entfällt.
Mit Nagel und Kierkegaard erkennen wir auch, dass nicht nur die Nähe des Todes uns auf das Leben aufmerksam machen kann. Es ist auch die Verzweifelung am Leben, weil begrenzte Ziele scheitern oder weil dem Menschen Ziele ausgehen. Hinter diesen begrenzten oder ausgegangenen Zielen erscheint "das wahre Leben, in dem unser Wollen ins Leere läuft". Die Leere des Lebens scheint uns unerträglich, der Tod wird begehrenswert.
Der Überdruss der Sinnlosigkeit und die Todesnähe sind zwei gegensätzliche Möglichkeiten, die beide mit dem Leben als solchem konfrontieren.
Letzten Endes kommt es auf die Perspektive an. Der Mensch begutachtet die Welt aus seinem Zentrum, so wie Tolstoi Fürst Andrej den Himmel hat erblicken lassen in der Stunde des erwarteten Todes und der vorbeikommende von ihm immer hochgeschätzte und verehrte Napoleon erscheint ihm in dieser Minute als klein und wertlos. Die Perspektive wechselt in der Stunde des Todes, man kann sich vom Zentrum der Eigen-Welt zurücknehmen in die Weite des Universums und die Gelassenheit, die das Leben manchmal fordert, als gegeben hinnehmen. Angst entweicht mit neuer Perspektive. Das Leben lässt Gelassenheit jedoch nur als Grenzsituation zu, da der Mensch im Streben sich selbst verwirklicht, und nach Nietzsche dieses auch nicht anders kann. Erst das letztendliche Loslassen mit der Sicherheit, alles für ein gutes Leben getan zu haben, allen Sinn dem Leben gegeben zu haben, macht das Sterben und den Tod angstfrei.
"Im Verhalten zum Tod, dem Ende des Lebens, werde ich meines Lebens ansichtig", resümiert Tugendhat. Ergänzt um Rilke: "Das Ende jeden Menschen ähnelt seinem Leben, weil das individuelle Leben Vorbereitung dieses Endes gewesen ist." Angst meint Bedauern der verpassten Sinngebungen. "Den Tod fürchten die am wenigsten, deren Leben den meisten Wert hat." So vielleicht mit Kant die Quintessenz aus dem hervorragenden Büchlein des Ernst Tugendhat. Damit ist es ein glücklicher Tod.