"Ich verfluche den Tod, ich kann nicht anders. Und wenn ich darüber blind werden sollte, ich kann nicht anders, ich stoße den Tod zurück. Würde ich ihn anerkennen, ich wäre ein Mörder."
"Tod, wo ist dein Sieg?" Der Ausspruch Paulus' verrät noch etwas von der Konfrontation zwischen Leben und Tod. Doch er zeigt auch die Verneinung jeden Realitätsprinzips. Realität ist aufzulösen, wie Canetti es selbst zeigt und auch die abendländische Ideenlehre seit Platon hat diesen "Pfahl im Fleische" (Sartre) abgeschwächt, indem sie den Tod als Eintrittskarte in eine neue Welt verherrlichte. Sokrates konnte im Phaidon sein Größe gegenüber dem Tod zeigen, aber nur, weil er seine Idee über alles stellte.
Canetti sezierte die bekannten Ideologien vom Tod und er fährt dabei auch den edelsten Gefühlen in die Parade. Heldenmut, Opferbereitschaft, Patriotismus - für ihn bilden sie einen Katalog aus Wahnvorstellungen, hinter denen die massenhafte Abrichtung schwüler Träume von Einzigartigkeit betrieben wird, so der Deutschlandfunk und Canetti: "Der Augenblick des Überlebens ist der Augenblick der Macht" wirft einen entlarvenden Blick auf das eigentliche Erleben beim Tod der Anderen.
Canetti zeigt deutlich die Erlebnisse der Kriegsgeneration. Er rechnet ab mit denen, die den Toten nicht mal im Nachgang eine Ehre zuteil werden ließen. Doch der Tod gehört zum Leben, wenn auch als Bestimmung des Endes. Damit ist das Verhältnis des Menschen zu dem Tod wie zum Menschen selbst, human. Canettis vehemente Haltung ist die Macht der Modernen, das Prinzip Vattimos, der den Kampf gegen die Realität im Christentum schon sah und im Kampf die Überwindung aller Forderungen der Realität wie Paulus auflösen wollte.
Nietzsches Idee, dass es keine Tatsachen gibt, sondern nur Interpretationen, zeigt die Überwindung der Realität gleichermaßen wie es auch Freud zeigte in seinem kleinen Essay über die "Kästchenwahl" (in: Der Moses des Michelangelos). Er förderte gleichzeitig die Haltung Heideggers (im Vorlaufen in den Tod liegt ein gelungenes Dasein), die allerdings Canetti im allgemeinen Vorwurf des Wahns gegenüber allen mit verteufelt.
"Es ist möglich, dass die Rigidität deines Todeshasses dir bestimmte Zeiterfahrungen versperrt hat." So Canetti noch vor dem Tode. Hier zeigt sich, dass er in der Stärke des Hasses nach außen, den inneren Umgang mit dem Ende versäumt hat. Jedoch wird die subjektive Erfahrung am Tod seines Vaters deutlich, nämlich zu früh Opfer gewesen zu sein. Für ihn ist somit auch Kant ("Den Tod fürchten die am wenigsten, deren Leben den meisten Wert hat.") nicht hilfreich, da der Tod unerwartet, unvorbereitet, einfach zu früh kam.
Dieses Werk der essayistischen Sichtweisen Canettis (1905-1994) wurde posthum veröffentlicht. Lesen Sie auch: "Über den Tod. Essenzen." von Tugendhat. (2006)