Pressestimmen
"'Die Sommermonate waren warm und dauerten lange' - wer diese Kindheitserfahrung bewahrt hat, wird das schmale Buch des Niederländers H.M. van den Brink mögen. Es ruft ein Heimwehgefühl auf und stillt es zugleich, ohne je sentimental zu werden. (...) Anton, der brave Sohn eines schwachen Vaters, gewinnt den selbstsicheren David zum Freund. Der Zweier ohne Steuermann ist das Symbol ihrer Gemeinsamkeit. Wenn sich beider Atemwölkchen beim Rudern miteinander vereinigen, ist das die zarteste Markierung ihrer Beziehung. (...) H.M. van den Brink gelingt es, aus dem simplen Plot ein Wunder an Zwischentönen und stimmungsvollen Naturschilderungen zu machen." Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.00 "Van den Brink fokussiert in seinem schmalen Band eine Bruchstelle im Leben eines Jungen und in der europäischen Geschichte. (...) Der Rhythmus, in dem er das tut, ist einzigartig. Es ist der Rhythmus des Ruderns, des Atmens auf einem, an einem Fluß. (...) Rudern ist, wenn es perfekt ist, Schweben. H.M. van den Brinks Novelle ist perfekt. Sie schwebt." Elmar Krekeler, Die Welt, 11.11.00 "Eine 'unvergängliche' Erzählung, deren liquide Melancholie etwas von Friedo Lampe, deren luzide Wehmut etwas von Patrick Modiano hat, eine wunderbare Bereicherung nicht nur der niederländischen Literatur." Hermann Wallmann, Frankfurter Rundschau, 30.11.00
Kurzbeschreibung
Wenn David und Anton, zwei Jungen aus ganz unterschiedlichen Stadtvierteln, in perfekter Harmonie über den Fluss gleiten, sind sie wenigstens zwei Sommer lang zu einer idealen Einheit verschmolzen. Ein Buch über das Glück, das selbst ein Glücksfall ist, so melancholisch, so zart in seiner Beschreibung des Wassers und der Freundschaft.
Auszug aus Über das Wasser. von H. M. van den Brink. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wir ließen uns treiben, im Boot und in Gedanken. Nicht weit stadteinwärts vom Verein aus gesehen lag ein großes Hotel. Es war weiß gestrichen und reckte seine Balkone stolz über das Wasser. Die unteren Terrassen standen besitzergreifend mit den Knien im Fluß. Träge ruderten wir daran vorbei. Ich spürte eine merkwürdige Bewegung im Boot. Als ich mich umdrehte, sah ich, daß David sich hingelegt hatte, einen Arm ausgestreckt, mit dem er den Riemen festhielt, den Körper zurückgelehnt, wobei sein Kopf fast auf dem Wachstuch der Bugbespannung lag. "Komm", grinste er, "leg dich hin. Wir klingeln dem Ober für ein schönes Glas Bier!" Vorsichtig lehnte auch ich mich zurück, ich zog die Beine an, landete aber doch unvermeidlich mit meinem Kopf auf Davids ausgestreckten Schienbeinen. Wenn ich ihn auch nur ein klein wenig drehte, würde meine Wange die Härchen auf seiner Haut berühren. Ich fühlte ihn atmen, ich konnte ihn riechen. Dicht unter mir bewegte sich ganz sacht das Wasser des Flusses. Hätte jemand von einem Balkon im obersten Stock des Grandhotels hinuntergeschaut, so hätte er zwei gebräunte Jungen, einer genau in der Verlängerung des anderen, liegen sehen, der Kopf des einen nicht weit vom Schoß seines Freundes entfernt, eng umschlossen von der Haut ihres schmalen Bootes, im Gleichgewicht gehalten von zwei dünnen Riemen. Bewegungslos, umgeben von blauem Wasser, kein Boot mit einer Besatzung, sondern ein Sarkophag. Niemand schaute hinunter. Wir schauten hinauf, an den breiten Fassaden empor zum Himmel, der fast so blau war wie das Wasser. Vielleicht auch genauso schwankte. Einen Moment lang wußte ich nicht mehr, was unten war und was oben. "Erhaben", sagte David. Erhaben und gemein, schoß es mir durch den Kopf. Wie die Schwäne, die vor der Terrasse schwammen. Und im selben Moment war das Gefühl, zwischen Himmel und Wasser zu schweben, auch wieder verschwunden. Ich mußte auf einmal an alles denken, was hinter dieser makellosen Fassade lag, an die Küchen und Toiletten, die Badezimmer und die schwammigen Leiber der Menschen, die sie benutzten, an den Kalk, das Blei, den Belag, das Holz, das an den Enden weich zu werden begann, die braunen Ringe und den grünen Schimmel auf dem Stuck, Männer und Frauen, wie Säcke voller Därme. Dieser ganze Turm aus verderblichen Materialien, der an diesem Ufer stand, seinen Abfall vielleicht in den Fluß leitete und mit den Fundamenten im Schlamm ruhte, so daß er jeden Augenblick einstürzen konnte und bis zu diesem Moment in jeder Sekunde, die Gott ihm schenkte, lautlos weiterfaulen würde. Alles, was existierte, mußte wieder verfallen, und ich wußte genau, daß ich mit diesem Verfall nichts zu tun haben wollte. Niemals. Ich gehörte dem Fluß. Ich durfte nicht älter werden, und es mußte Sommer bleiben. Mit einem Ruck richtete ich mich auf, streckte die Arme und sagte "Alles vorwärts - los!" Ohne zu warten, ob David auch tatsächlich bereit war, mir zu folgen, ruderte ich los. Das Boot setzte sich fließend und mühelos in Bewegung.