Das Buch wendet sich an einen Leserkreis, der Freude am interdisziplinären Denken aufbringt und in der Lage und willens ist, sich von der Schönheit wissenschaftlicher Zusammenhänge und der Ästhetik mathematischer und morphologischer Kongruenzen verzaubern zu lassen. Obwohl D'Arcy Thompson einen wissenschaftlich einwandfreien, sachlichen Stil pflegt, schimmert seine Begeisterung für die manchmal überraschenden und immer faszinierenden Übereinstimmungen zwischen bestimmten Ausprägungen des Lebens und mathematisch-physikalischen Gesetzen stets durch. Dieser spürbare Respekt vor den Leistungen der Natur, gepaart mit dem Drang, sie zu ergründen, verleiht dem Buch trotz der bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht trocken erscheinenden Thematik seine Spannung.
Der Leser sollte über mathematisches (vor allem geometrisches) Grundwissen verfügen oder zumindest die Bereitschaft besitzen, das eine oder andere mathematische beziehungsweise physikalische Gesetz und einige Fachbegriffe während der Lektüre nachzuschlagen, sonst wird das Buch vermutlich uninteressant.
Obwohl die erste Auflage vor rund neunzig Jahren erschien, ist das darin dargestellte Wissen überraschend zeitlos und unter mancherlei Gesichtspunkten sogar ausgesprochen aktuell, da D'Arcy Thompson durchaus eine Vorstellung von den Möglichkeiten der Bionik hatte; diesbezüglich war er seiner Zeit sicherlich weit voraus. Gleichzeitig stellt das Buch in vielerlei Hinsicht eine einzigartige Momentaufnahme des Wissens zu Beginn des 20. Jahrhunderts dar. Die wissenschaftliche Synopse bietet die Möglichkeit, das eigene Weltbild zu überdenken und zueinander gehörige Puzzleteile zusammenzufügen - eine Chance, die man angesichts der eingangs erwähnten Spezialisierung auch in Sachbüchern nur selten erhält.
Wie alle Bände der "Anderen Bibliothek" ist auch dieser hochwertig und bei aller Schlichtheit sehr ansprechend aufgemacht und vorzüglich lektoriert. Die Übersetzung scheint, soweit man das ohne Kenntnis des Originals beurteilen kann, ebenfalls gut gelungen. Dem Verlag ist es geglückt, mit diesem Projekt einen bedeutenden wissenschaftlichen Klassiker mit aller gebotenen Behutsamkeit bezüglich Kommentierung und Kürzungen "wiederzubeleben", wozu man nur gratulieren kann.