"Über Tage in der Metropole Ruhr" heißt eine neue Ruhrgebietsanthologie. Till Beckmann, großer Fan von Ruhrgebietsliteraten wie Ralf Rothmann und Jürgen Lodemann, sehnte sich nach frischen Texten aus dem und über das Ruhrgebiet. Deshalb rief er zu einem Literaturwettbewerb auf. Die besten Beiträge hat der Klartext Verlag in Buchform veröffentlicht.
Über Tage. Der Titel setzt Zeichen. Für ein neues Ruhrgebietsverständnis. Denn unter Tage ruhen längst schon nur noch unsere verschütteten Träume und Erinnerungen. An das, was die Region einst so stark gemacht hat. Und was in vielen Büchern - nicht zuletzt in den Anthologien, die rund um RUHR.2010 entstanden sind - zum zentralen Thema geworden ist: das Leben der Bergarbeiter und ihrer Familien.
Über Tage. Das ist das Ruhrgebiet heute. Und deshalb ist es auch schön, in der Autorenliste mal jede Menge neuer Namen zu lesen. Gut, Willi Thomczyk ist natürlich bereits eine Ruhrgebietsgröße. Aber eben als Schauspieler, nicht unbedingt als Autor. Leider hat der Verlag es versäumt, den Leser mit Autoreninfos auszustatten. Aber eine kurze Internetrecherche zeigt: Hier sind Verfasser am Werk, die in diesem Band debütieren, bisher nur in kleinen Verlagen oder eher wissenschaftlich und journalistisch publiziert haben - wirklich neue Stimmen. Auch der Altersdurchschnitt ist angenehm frisch und dürfte um die 30 Jahre liegen.
Und vielleicht ist es genau diesem Altersdurchschnitt zu verdanken, dass sich hier nun Texte versammeln, die nicht mehr vom Ruhrgebiet des Bergmannsalltags berichten. Kein Blick zurück in Trauer. Sondern eine Spurenlese der Gegenwart. Auf der Suche nach einer neuen Identität des Ruhrgebiets.
Was ist es, was das Ruhrgebiet heute ausmacht? Für Julia Sandforth ist es die Kioskbesitzerin Frau Duda. Für Victoria Del Valle ein spontanes Gespräch mit dem Busfahrer. Für Moritz Mannhardt der Blick aus dem Fenster, den ganzen Tag, auf ein Kissen gestützt. Für Jan Wilms die Selbstverständlichkeit, mit der junge Frauen verschiedenster Nationalitäten bei Türkspor Dortmund trotz kultureller Unterschiede gemeinsam kicken. Für Nina Behrmann sind es die seltsamen nächtlichen Begegnungen in der Bahn: mit Prinz Promille und anderen skurrilen Menschen, die das Ruhrgebiet prägen. Für Simone Hollenhorst die Familienfeste, bei denen sie statt mit Playdoh mit Pampelacke spielt. Für Matthias Möde die Begegnungen in einer Imbissbude.
Der Status Quo im Ruhrgebiet scheint also zu sein: Es sind die Menschen, die Begegnungen, die das Gesicht des heutigen Ruhrgebiets ausmachen. Aber reicht das, um sich hier zu Hause zu fühlen? Zu bleiben? "Entweder du gehst weg, oder du versuchst hier was zu reißen" - so umschreibt der Titel des Vorwortes die Möglichkeiten, die jemand in diesem postindustriellen Landstrich hat.
Und auch das ist Thema des Buches: gehen oder bleiben? Lieben oder hassen? Enis Maci geht weg und weiß doch, dass er wiederkommen wird, weil man eine Liebeserklärung nicht einfach zurücknehmen kann. Roman Milenski ist weggegangen und kommt zurück, weil das Ruhrgebiet eben seine Heimat ist. Michael Moll ist als Botschafter und Fürsprecher der Region in der ganzen Welt unterwegs. Frauke Pahlke dagegen hasst das Ruhrgebiet, in dem sie sich einfach nicht zu Hause fühlen kann. Jens E. Gelbhaar brauchte lange, um sich als Ruhrgebietler zu sehen. Und Jörg Stanko findet als Zugereister schließlich seinen Zugang und seine Liebe zum Ruhrgebiet.
Wieder sind es die Menschen, die er trifft, die Begegnungen, die den Pott zu einer Heimat machen. Und nur wenige Autoren in diesem Band beschäftigen sich mit dem Blick zurück (Michael Starcke, Jonas Podlecki, Willi Tomczyk, Michael Spyra).
Anfang des Jahres äußerte sich Elmar Weiler, Rektor der Ruhr-Universität, im Spiegel über das Ruhrgebiet. Industriekultur heißt für ihn Trauerarbeit, die wichtig ist, um den Niedergang der Industrie auszuhalten und die eigene Identität zu bewahren. Da hat er sicher Recht. Es ist wichtig zu bewahren und zu erinnern.
Aber es ist genau so wichtig nach vorne zu schauen. So sieht es auch nach dem klassischen Modell der Trauerphasen aus. Demnach befindet sich das Ruhrgebiet bereits in der dritten Phase - der Auseinandersetzung mit dem Verlust bis hin zum Idealisieren und Glorifizieren der Vergangenheit. Nun kann es also langsam in Phase vier gehen: Akzeptanz und Hinwendung zum Neuen.
Für das Ruhrgebiet heißt das: sich neu erfinden. Den Strukturwandel antizipieren und sich mitten hinein zu stürzen. Und genau für diese Neudefinition leistet "Über Tage" einen großen Beitrag. Da macht es auch gar nichts, wenn nicht alle Texte literarisch beeindrucken. Denn so wie das Ruhrgebiet auf der Suche nach einer neuen Identität ist, so sind vielleicht auch die neuen Stimmen noch auf der Suche nach einer eigenen Sprache. Aber zu sagen haben sie jetzt schon viel. Und noch eines haben Autoren und Ruhrgebiet gemeinsam: Man spürt das Potential, wenn es auch noch nicht ganz ausgereift ist. Deshalb: weiter so, mehr davon.
"Entweder du gehst weg, oder du versuchst hier was zu reißen." Wer geht, gibt auf. Wer bleibt, kann mithelfen bei der Suche nach einer neuen Identität. Kann zur Neuerfindung und Neudefinition Ruhrgebiet beitragen.