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In Anlehnung an Heraklit steht im Mittelpunkt des von Bunge und Mahner dargestellten Materialismus die dynamische Auffassung von der Welt und ihrer Subsysteme. So besagt das zentralste Postulat ihrer Ontologie, daß die Welt ausschließlich aus materiellen Gegenständen ("Dingen" oder "Entitäten") besteht, die sich durch die Fähigkeit zur Veränderung auszeichnen. Das heißt, nur Dinge können Energie besitzen, eine Zustandsänderung erfahren, mit anderen Dingen interagieren, sich zu Systemen zusammenschließen und dabei qualitativ neue Eigenschaften erwerben oder wieder verlieren. Somit ist die materialistische Weltauffassung der Autoren eng verbunden mit dem Begriff der Emergenz, an dem keine moderne Realwissenschaft vorbeikommt, ist doch die Entstehung qualitativer Neuheiten ein zentrales Merkmal unserer evoluierenden Welt. Dahingegen haben immaterielle Objekte keine substantiellen Eigenschaften, keinen Zustand und daher schlußendlich keine reale Existenz. Ein wichtiges Fazit lautet daher, daß sich "Wirklichkeitswissenschaftler (...) nur mit materiellen Gegenständen" beschäftigen (S. 233) und deren "schier unbegrenzte Fähigkeit, neue 'Formen' oder Eigenschaften hervorzubringen" analysieren (S. 54).
Bis hierher läßt sich festhalten, daß es den Autoren sehr gut gelungen ist, zu begründen, warum sich Wissenschaftler ganz als Materialisten verhalten und weshalb eine idealistische Ontologie nicht als Bestandteil wissenschaftsorientierter Weltbilder infragekommen kann. Obwohl es für den Leser nicht immer einfach ist, sich die exakte Begrifflichkeit der Autoren anzueignen, besticht das Buch durch die systematische und kohärente Darlegung aller für das Verständnis der Ontologie benötigten Grundbegriffe, Postulate und Folgerungen des emergentistischen Materialismus. Vor allem die analytische Tiefe, mit der die Inkohärenz konkurrierender Philosophien herausgestellt wird, macht die Lektüre zu einem intellektuellen Vergnügen und stellt die Vertreter immaterialistischer Weltbilder vor ernste Rechtfertigungsprobleme.
Wiewohl das Buch die ontologischen Aspekte unseres modernen wissenschaftlichen Weltbildes eingehend erörtert, geht es über den Rahmen der Realwissenschaften hinaus und behandelt auch ethische Gesichtspunkte, die in keinem Buch über den Materialismus fehlen sollten. Schließlich gilt es, dem alten - immer noch fest im öffentlichen Meinungsbild verankerten - Vorurteil entgegenzuwirken, wonach Ethik notwendigerweise an Religion gebunden und der Materialismus nicht in der Lage sei, moralischen Aspekten gerecht zu werden. Die im Buch vorgestellten Grundzüge einer materialistisch orientierten Moralphilosophie widerlegen diese Auffassung gründlich und zeigen, wie sich Ethik aus der Perspektive des Materialismus denken läßt.
Und wie steht es mit der Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft; läßt sich die Annahme einer mit unserer Welt interagierenden Übernatur mit einer wissenschaftlich orientierten Philosophie vereinbaren? Das Buch läßt keinen Zweifel daran bestehen, daß jede Kompatibilitätszubilligung in dieser Richtung fragwürdig ist, weil die Möglichkeit einer völlig konfliktfreien Synthese nicht besteht - es sei denn, Religion beschränkt sich auf die Vorstellung, daß die postulierte Übernatur das Weltgeschehen nicht kausal beeinflußt. Solch eine Lösung wird jedoch nur wenig gläubige Menschen zufriedenstellen, besteht doch der Kern theistischer Religion gerade darin, ihrem Anhänger wenigstens das Zustandekommen zeitweiser Kontakte zwischen der Welt und jener "Übernatur" zu versprechen, an die er glaubt. Sobald derartiges angenommen wird, beschäftigt sich Religion zum Teil mit denselben Gegenstandsbereichen wie die Wissenschaften, d.h. sie trifft Aussagen über weltimmanente Sachverhalte, so daß Konflikte mit den Wissenschaften auftreten. Diese von den Autoren vertretene Auffassung setzt eine umfassende Charakterisierung von Religion und Grundlagenwissenschaften voraus, die im Buch in beispielhafter Klarheit vorgenommen wird.
Alles in allem läßt sich resümmieren, daß auf dem nationalen wie internationalen Buchmarkt kaum eine derart kohärente, kompetente und systematisch gründliche Darlegung des ontologischen Materialismus sowie der Idealismuskritik existieren dürfte, die mit fast 300 Literaturstellen auch ein argumentativ mächtiges und mutiges Plädoyer für den Materialismus darstellt. Somit ist es zugleich ein unbequemes, provokatives, stellenweise auch schwieriges und doch überaus lesenswertes Buch. Wer sich ernsthaft mit den ontologischen Grundlagen der Naturwissenschaften sowie mit den Argumenten für und wider alternative Philosophien auseinandersetzen möchte, für den ist dieses Werk ein Muß.
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