Dies ist ein meiner Meinung nach wirklich hervorragendes Buch, welches ich allen Menschen mit einem naturalistischen Weltbild ans Herz legen möchte, da es die Grundlagen und Grundprinzipien einer solchen Weltauffassung sehr sauber herausarbeitet und darlegt. Auch international scheint es kaum etwas Vergleichbares zu geben.
Der in sieben Kapitel gegliederte Text umfasst ca. 235 Seiten. Dazu gibt es ein Vorwort, Anmerkungen und diverse Verzeichnisse. Die einzelnen Kapitel lauten:
- Einleitung
- Eine materialistische Ontologie
- Materialismus und die Existenz abstrakter Objekte
- Probleme des Materialismus?
- Materialismus und Ethik
- Materialismus, Wissenschaft und Religion
- Materialismus und wissenschaftliches Weltbild
Die beiden Autoren grenzen den Materialismus gegenüber idealistischen Weltauffassungen ab und betonen, dass sie sich mit ihrem Weltbild nach wie vor in einer Minderheitenposition befinden, wenngleich sich dies durch die zunehmende Bedeutung der Naturwissenschaften längst ein wenig gewandelt hat. Sie weisen darauf hin, dass einige Philosophen mittlerweile sogar so weit gehen, zu behaupten, "Begriffe wie 'Materialismus' oder 'Monismus' seien heute verzichtbar, weil ihre antithetischen Entsprechungen, gegen die sie sich definitorisch abgrenzen, längst philosophisch tot seien". Allerdings teilen die beiden Autoren diese Einschätzung (bzw. diesen Optimismus - wie sie sich ausdrücken) nicht.
Besonders lohnenswert fand ich den Abschnitt über 'Komplexe Dinge' und Emergenz, die Behandlung abstrakter Objekte, den Abschnitt über die Quantenphysik und die Ausführungen zum Leib-Seele-Problem. Und auch für an der Evolutionstheorie interessierte Leser dürfte das Buch sehr interessant sein. Nirgendwo sonst habe ich bislang eine so knappe und klare Zurückweisung der
Memetik gefunden (S. 126): "Ein jüngster metaphorischer Ansatz schließlich ist die Theorie der Meme: die Memetik ... Dabei ist das Wort 'Mem' lediglich ein überflüssiges Synonym für 'Idee' ... In Analogie zu Genen werden Ideen (Meme) als selbstreplizierende Entitäten aufgefasst, die Gehirne gleichsam als geistige Viren parasitieren und so weitergegeben werden. Die Anhänger der Memetik versprechen sich von ihrem Ansatz eine selektionstheoretische Erklärung der Weitergabe und Ausbreitung von Ideen. Die Memetik ist jedoch zum einen konzeptuell so unklar, dass sie an Sinnlosigkeit grenzt, zum anderen ignoriert sie praktisch die gesamte psychologische und sozialwissenschaftliche Forschung zur menschlichen Kommunikation ... Idealistische Fantasien werden nicht dadurch akzeptabler, dass sie in evolutionsbiologischem Gewande daherkommen." Vermisst habe ich in diesem Zusammenhang allerdings den Versuch einer Einordnung der Darwinschen Evolutionstheorie in die vorgestellte Ontologie, denn schließlich wird bei dieser bis heute darum gestritten, was Gegenstand der Selektion (und damit der Evolution) ist.
Nicht viel besser als der Memetik ergeht es an anderer Stelle der
soziologischen Systemtheorie Niklas Luhmanns (S. 252f.): "Als Vertreter einer sozialwissenschaftlichen Systemtheorie ist in Deutschland vor allem Niklas Luhmann bekannt. Dieser behauptet z. B.: 'Social systems ... consist of communications and nothing but communications - not of human beings, not of conscious mental states, not of roles, not even of actions. They produce and reproduce communications by meaningful reference to communications' (Luhmann 1987, S. 113). Über welche idealistische Fantasie Luhmann hier auch reden mag, mit sozialen Systemen hat diese Konzeption nur wenig zu tun. Gewiss stellt Kommunikation ein wichtiges Element der Endostruktur sozialer Systeme dar, aber Kommunikation ist eine Relation, und Relationen existieren nicht ohne Relata - in diesem Fall menschliche Personen. Eine menschenlose Theorie sozialer Systeme ist völlig verfehlt, wenn nicht sogar verwerflich in Hinblick auf mögliche soziotechnologische Konsequenzen."
Einer der kritischsten Punkte des von Bunge/Mahner präsentierten Materialismus dürfte vermutlich der Begriff der Emergenz sein, der zentraler Bestandteil ihrer Ontologie ist, weswegen sie auch von einem emergentistischen bzw. systemischen Materialismus (S. 4) sprechen. Kritiker an diesem Konzept gibt es zur Genüge (siehe etwa Christian Kummer:
Der Fall Darwin: Evolutionstheorie contra Schöpfungsglaube). Bunge und Mahner definieren den Begriff der Emergenz anders, als dies in den meisten anderen Büchern (z. B. Sandra Mitchell:
Komplexitäten: Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen) zum Thema getan wird. Entsprechend merken sie an (S. 82f.): "Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass wir hier der verbreiteten Definition einer emergenten Eigenschaft als einer, die nicht aus der Kenntnis der Eigenschaften der Teile vorhergesagt bzw. erklärt werden kann, nicht gefolgt sind. Der Grund ist einfach: Emergenz hat etwas mit der realen Welt zu tun, nicht mit unserem Wissen von ihr: Der Emergenzbegriff ist ein ontologischer, kein erkenntnistheoretischer. Für die Neuheit einer Eigenschaft eines Systems kann es keine Rolle spielen, ob wir sie voraussagen oder erklären können oder nicht: Qualitative Neuheit bleibt - wenn es sie gibt - ontisch qualitative Neuheit, ob sie erkannt wird oder nicht."
Das einzige Problem, das ich in dieser Auffassung sehe, ist die gleichzeitige Festlegung Bunge/Mahners, dass eine Eigenschaft nur dann emergent sein kann, wenn keine Teilkomponente über diese Eigenschaft verfügt. Das scheint mir viel zu einschränkend zu sein. Ich bin davon überzeugt, dass es Systemeigenschaften gibt, die durch die Organisation ihrer Elemente hervorgebracht werden. Sie müssen dann auf einer höheren Systemebene erneut auf diese Weise entstehen, und zwar ganz unabhängig davon, ob ein Systemelement bereits über eine ganz ähnliche Eigenschaft verfügt oder auch nicht.
Insgesamt ein sehr empfehlenswertes Buch.