Im Zentrum dieses großartigen Romans steht der Körper: zum einen der kranke Körper der Kulturjournalistin Irma - einer Dialysepatientin in Wien, die durch eine Nierentransplantation von der Dialysemaschine befreit wird - zum anderen die kranken Körper in der Männerabteilung eines römischen Pflegeheims. Dort verrichtet Mira - eine Pflegerin - ihren Dienst.
Interessant ist die Gleichheit der Namen (ein Anagramm: IRMA - MIRA) der beiden Frauen, die aus den gleichen Buchstaben gemacht und trotzdem - analog zu ihrem Leben - anders verteilt sind. Beide Lebensläufen weisen aber trotzdem erstaunliche Parallelen auf:
Beide sind überzeugt, dass wir durch glückliche oder unglückliche Fügungen geboren werden, und dass es manchmal sogar der Zufall ist, der uns auslöscht. Beide leiden unter brüchigen Beziehungen, haben einen homosexuell veranlagten Freund, legen ihr Handy beim Autofahren zwischen die Beine und haben ein auffallendes Faible für Vögel.
Es ist einerseits die Geschichte des Zerfalls und anderseits die einer neuen Zusammensetzung der eigenen Identität.
Sabine Gruber verknüpft dies alles souverän.
Stetig lässt sie auf ein Mira-Kapitel ein Irma-Kapitel folgen, wobei die Mira-Kapitel aus der Ich- und die Irma-Kapitel aus der Er-Perspektive erzählt sind. Doch besitzen beide ihr Eigenleben, nie wirkt diese Konstruktion überspannt und gewaltsam. Umgekehrt sind sich die beiden aber doch so nahe, dass es am Schluss zu einer überraschenden erzählerischen Pointe kommt: ein Lebensfaden wird abgeschnitten, der andere verschont...
Fazit:
Sabine Gruber hat einen sehr guten Roman geschrieben, weil in ihm der kranke und pflegebedürftige Körper, der gesellschaftliche und der individuelle Umgang mit ihm und die Macht der literarischen Erzählung überzeugend ineinander verwoben sind.
Gerade Miras Schilderungen aus dem römischen Pflegeheim sind von einer beeindruckenden, ungeschönten Präzision, mitunter von verstörender und zugleich zutiefst humaner Eindringlichkeit.
"Über Nacht" ist sprachlich brillant und sehr poetisch, ein ungemein atmosphärischer Roman, der sich zusehends zuspitzt.
Sabine Gruber erzählt zwei Biografien ohne Distanzen und Lügen, ohne unwichtige Details auszulassen, und vermag dadurch eine ungeheuere Nähe herzustellen.
Sie erzeugt in ihrem Roman ungemeine Spannung: Denn warum die beiden Protagonistinnen Irma und Mira aus dem gleichem Holz (und den gleichen Buchstaben) geschnitzt sind, das erfährt der Leser erst auf der allerletzten Seite.
"Dass Sabine Gruber eine außergewöhnlich formbewusste Erzählerin ist, hat sie schon mit ihrem vorigen Roman "Die Zumutung" bewiesen", las ich unlängst. Man könnte "Über Nacht" als Fortsetzung und Variation der Krankengeschichte lesen. Ich werde dieses Buch wohl demnächst lesen "müssen" ;-)
Herzlichen Dank auch an meine Vorrezensentin Claudine Borries, durch die ich an dieses wundervolle Buch geraten bin. Ihr Geschmack scheint dem meinigen sehr ähnlich zu sein. Sie hat indirekt schon oft meine literarischen Kaufentscheidungen beeinflusst.