Die Autorin Margo Jefferson hat ihre Jackson-Betrachtung in ihrem Essay Über Michael Jackson" einmal ganz anders aufgezogen, als die Autoren, die ich bisher gelesen hatte.
Im ersten Kapitel Freaks" geht sie detailliert auf Jackson und die Personen ein, die ihn und seine Darstellung in der Öffentlichkeit entscheidend geprägt haben, ein. Interessant sind ihre Verweise auf das Vaudeville-Theater im 19. Jahrhundert und die Rolle, die schwarze Darsteller dabei spielten. Ihre Beschreibungen sind intelligent und vielschichtig, da sie zudem die Interaktion von Freaks", Schaustellern und den jeweiligen Reaktionen und Erwartungen der normalen" Gesellschaft mit einbezieht.
Im zweiten Kapitel Zuhause" erklärt sie familiäre Zusammenhänge der Jacksons sowie Zusammenhänge zur späteren Entwicklung der Familie. Was die Jackson-Kinder selbst schon mehrfach angedeutet haben, wie z.B. Gewalt und hierarchische Strukturen, wird hier noch einmal genauer unter die Lupe genommen, die Rollenverteilung der einzelnen Familienmitglieder wird psychologisch ausgeleuchtet.
Im dritten Kapitel Kinderstar" stellt Jefferson verschiedene Bezüge zu schwarzen und weißen Kinderstars verschiedener Jahrzehnte her, deckt Parallelen auf, erläutert den Erwartungs- und Erfolgsdruck auf diese Kinder und beschreibt die möglichen psychologischen Auswirkungen, die ein solches Leben auf Kinderstars haben kann, bzw. im Falle viele ehemaliger Kinderstars, wie natürlich auch der Jacksons, sind diese Auswirkungen z.T. ja ganz deutlich zu erkennen.
Im darauf folgenden Kapitel Jenseits von Hautfarbe und Geschlecht" lässt sich Jefferson ausgiebig über Michael Jacksons optische Veränderungen aus und beschreibt dabei auch soziale Zusammenhänge, wie z.B. die Tatsache, dass Schwarze z.T. bis heute in den USA mit ihrer Hautfarbe zu kämpfen haben. In ihre teilweise soziologischen und psychologischen Ausführungen streut sie ab und zu eigene Beobachtungen und Erklärungen ein, wie sie sich selbst mit Michael Jackson in dessen jeweiligen Phasen auseinander gesetzt hat. Wie in den anderen Kapiteln auch, hier jedoch ganz besonders, geht sie dabei explizit auf einige von Jacksons wichtigsten Videos und Auftritten ein, auf seine Art, sich zu kleiden und sich zu geben. Sie lässt sich über die widersprüchlichen Geschlechtsmerkmale und -signale aus, die von Jacksons Äußerem ausgehen, z.B. weibliches Gesicht vs. In-den-Schritt-fassen, und stellt die These auf, dass Michael Jackson sich angesichts dieser bunten Mischung wohl selbst nicht mehr so bewusst sei, welche Signale er in den jeweiligen Auftritten aussendet.
Das Buch endet mit einer, meiner Meinung nach sehr gelungenen Darstellung des Prozesses gegen Jackson wegen obszöner Handlungen an einem Minderjährigen unter 14". Sie stellt die einzelnen Prozessakteure vor und beschreibt deren Auftreten vor Gericht, ihre Fehler oder Erfolge und erklärt, warum der Prozess sich so entwickelte, wie er es letztendlich getan hat. Dabei gelingt es ihr, keine Partei zu ergreifen, Verständnis für beide Parteien zu erwecken und gleichzeitig jeden Beteiligten als fehlbar und menschlich erscheinen zu lassen.
Alles in allem also ein sehr gelungener Essay, der einem neue Denkanstöße über diesen rätselhaften Sänger liefert. Dennoch möchte ich abschließend zur Vorsicht aufrufen, denn dieser Essay ist, trotz aller soziologischen und psychologischen Einschläge meiner Meinung nach eine eher subjektive Darstellung Michael Jacksons, der sicher auch darauf basiert, was sich die Autorin im Laufe der Zeit über Michael Jackson gedacht und worüber sie sich vielleicht selbst gewundert hat. Gerade bei dem Kapitel Jenseits von Hautfarbe und Geschlecht" musste ich oft den Kopf schütteln, weil mir einfiel, dass ich MJ oft ganz anders gesehen habe als die Autorin ihn beschreibt. Zugegeben, als ich auf Michael Jackson aufmerksam wurde, war ich acht und er war gerade dabei, seine Dangerous-Tour zu starten. Michael begleitete mich bis hinein in meine tiefste Pubertät und er war für mich auch der erste Mann, der mich als solcher interessierte. Folglich gab es für mich als Fan nichts Weibliches an ihm. Im Gegenteil, seine Art, lasziv beim Tanz seinen Körper einzusetzen war für mich überaus männlich. Für mich war Jacko immer ein Mann, ob nun ein kindlicher, den ich mütterlich beschützen wollte oder ein aufreizender Performer, der mein Herz höher schlagen ließ. Damit will ich sagen, die Wahrnehmung von Michael Jackson variiert vermutlich in einem ganz breiten Spektrum, je nach eigener Geschichte und Erfahrungen derjenigen, die sich mit ihm beschäftigen. Deshalb würde ich Margo Jeffersons Beschreibung nicht als Nonplusultra-Darstellung ansehen. MJ selbst sieht sich vermutlich auch wieder ganz anders und vielleicht wollte er auch ganz andere Dinge vermitteln, als in der Öffentlichkeit letztendlich ankam.
Zudem finde ich, dass die Autorin viel zu wenig auf die musikalische Entwicklung Michael Jacksons eingeht. In einem vollständigem Portrait sollte jedoch gerade dies auf keinen Fall fehlen, da man an der Musik meiner Meinung nach fast am besten Jackos Entwicklung, den Reifeprozess und vielleicht auch sein Selbstbild nachvollziehen kann. Von der Qualität seiner Musik mal ganz abgesehen :)
Deshalb gibt es von mir vier Sterne, denn ein Portrait eines Musikers, dem ein expliziter Nachvollzug von dessen Musik fehlt, kann, denke ich, keine fünf Sterne bekommen.