Das vorliegende Buch enthält einen Essay von „[...] Dr. Timothy Leary, der entweder eine ganze Generation mit bewusstseinsverbiegenden Drogen eine Gehirnwäsche unterzog (die Meinung seiner Feinde) oder aber entdeckte, wie man das Bewusstsein der Menschheit von kulturell bedingter Begrenzung befreit (die Meinung seiner Freunde)."
So bezeichnet der Pop-Prophet Robert A. Wilson eine der interessantesten Figuren der modernen amerikanischen Geschichte. Sein Leben liest sich fast wie ein Drehbuch: Als schüchternes Kind einer erzreligiösen Mutter und eines alkoholkranken Vaters aufgewachsen, entwickelt er sich in den 60ern als Professor zu einem Vorreiter der aufkommenden Drogenbewegung. Er veranstaltet Sommercamps, in denen er mit Studenten Drogenexperimente durchführt. Dabei entwickelt er eine Theorie für einen positiven, bewusstseinserweiternden Drogenkonsum. Wie es hier heißt: „Drogengenuss wird zu Drogenmissbrauch, wenn er in narzistischer Einsamkeit vollzogen wird. [...] Gruppenrituale bilden ein soziales Netz und schützen gegen Missbrauch. Der Stammtisch. Die Cocktail-Party ..." Mit seinem locker schwaddronierenden Redestil wird er zu einer Ikone der 68er. Seine „Turn on, Tune in, Drop out"-Tournee beeinflusst Künstler wie William Burroughs, The Who oder letztendlich die Beatles. Dabei wird er immer wieder vom CIA bespitzelt.
Mehrmals sitzt er im Gefängnis. Dort schreibt er viele seiner Bücher oder versucht seine Gefängnisgenossen zu therapieren. Seine Ausbruchsaktionen sind spektakulär und lassen Nixon zum Wutausbruch verleiten, er sei einer der „gefährlichsten Menschen der Welt". In seinen letzten Tagen lässt er sich von einer Webcam beobachten und bestimmt, dass sein Gehirn eingefroren werden soll. 1996 stirbt er mit seinem berühmten „Leary-Grinsen" auf dem Gesicht.
Neben wissenschaftlichen Arbeiten hinterlässt er viele Artikel, in denen er im flotten Stil seine Ansichten über Gott und die Welt - und natürlich Drogen - zu Papier bringt. Dieser 30-seitige Essay ist einer der besseren. Er zeigt die Geschichte des Menschen als einen Weg vom naturbewussten Urmenschen hin zum religiös verbissenen Nordländer, der alles Natürliche als Sünde abstraft. Dabei bedeutet für ihn die Befreiung der 68-er durch S**, Drugs and Rock'n-Roll eine neue Spiritualität und eine freie Bestimmung über das Bewusstsein. „Die sogenannte „Drogenkultur" war kein ordinärer Studentenulk. Sie war Teil eines weltweiten Revivals der ältesten Religion der Welt." Für Leary löst sich in dieser neuen Bewegung auf, was uns begrenzt, seien es Gesetzte, Rassenvorurteile oder unser strenges Wissen. Man muss seine Ansichten nicht teilen, sein Plädoyer für die „Selbstbestimmung des Geistes" ist jedoch nahezu unumstößlich.
Abschließend kann man diesen Essay jedem empfehlen, der sich für die Drogenkultur interessiert, gerade weil Leary für einen offenen und unverkrampften Umgang mit Drogen einsteht und die Gefahr eines illegalen Schwarzmarktes und den Missbrauch sieht. Dabei ist der Text jedoch nicht wissenschaftlich-streng, sondern sehr unterhaltsam, kurz und pregnant (vielleicht etwas zu kurz) verfasst. In der kleinen Edition „Der Grüne Zweig" sind noch weitere Werke von ihm erschienen, empfohlen sei besonders „Neurologic".