Für die Unregierbarkeit
Neue Literatur über Michel Foucault
Michel Foucault war der erste weithin bekannte Philosoph, der an Aids gestorben ist. Das biographische Interesse, naturgemäss den spektakulären Ereignissen und Peripetien zugetan, hat vor dem Werk nicht haltgemacht und die späte Beschäftigung mit der Knabenliebe in Griechenland mit dem Coming out eines alternden Homosexuellen in Verbindung gebracht. Dem kommt entgegen, dass Foucault auf seinem «Denkweg» manch eigentümliche Kehre gegangen ist, wobei manches brüsker und schroffer wirkt, weil Foucault mehrfach jahrelang ausser Aufsätzen nichts publizierte, die Früchte seiner Lehrtätigkeit aber noch kaum ediert sind. (Ein erster Band der Vorlesungen am Collège de France, «Il faut défendre la société [19751976]», ist 1997 bei Gallimard/ Seuil erschienen.) Und seine Auskunftsfreude in Interviews in allen Ehren, aber gerade dort wusste er sich gut zu tarnen.
«GOUVERNEMENTALITÄT»
An neueren Untersuchungen, die sich Foucaults Werk frei von biographischer Neugier vornehmen, fehlt es zum Glück nicht; und sie sind auch thematisch breit gestreut. Andrea Roedigs «Foucault und Sartre» konzentriert sich auf den frühen Foucault, vor allem auf das neunte Kapitel «Der Mensch und sein Doppel» aus der «Ordnung der Dinge», das als Auseinandersetzung mit der französischen Phänomenologie, in Sonderheit mit Sartre, gelesen werden kann. Doch hat auch Foucault selbst eine phänomenologische Vergangenheit, und die Autorin untersucht diese frühen Texte (vor allem die Einleitung in Binswangers «Traum und Existenz») auf erste Spuren der späteren kritischen Wendung.
Wolfgang Detels «Macht, Moral, Wissen» und Thomas Lemkes «Eine Kritik der politischen Vernunft» beschäftigen sich beide vorrangig mit jenem Zeitraum, der auch biographisch am meisten interessiert: den siebziger und achtziger Jahren, in denen Foucault zunächst als politischer Aktivist hervorgetreten ist, eine neue Definition des «spezifischen Intellektuellen» vorgelegt und vorgelebt hat und sich schliesslich dem Thema Sexualität zuwandte. Doch folgte auf das Programm-Manifest «Der Wille zum Wissen» lange Jahre nichts; und die Nachricht vom Erscheinen der Bände II und III der Geschichte der Sexualität (die freilich mit dem ursprünglichen Plan nichts mehr gemein hatten) wurde fast eingeholt von der Mitteilung über Foucaults Tod.
Detel unterzieht die veröffentlichten Bücher dieser Jahre und ausschliesslich diese einer «kritischen Prüfung»: Das betrifft zum einen die systematische Haltbarkeit der Machtanalytik Foucaults, zum anderen das Bild, das Foucault vom Umgang mit der Sexualität entwarf, wie er sich in philosophischen, literarischen und medizinischen Gebrauchstexten der hellenischen und römischen Antike abzeichnete. Lemke, der wie Roedig im Archiv des Pariser Foucault-Zentrums geforscht hat, widmet sich dagegen ganz dem immanenten Zusammenhang der Werkentwicklung Foucaults und fragt explizit nach den Gründen für die Hinwendung zur Antike, die auch die biographische Spekulation ihre Blüten treiben lässt.
Detel kommt zu einem beinahe vernichtenden Ergebnis: Während sich die Machtanalytik noch retten lässt, wenn man sie als eine Konzeption «regulativer Macht» «nichtrepressiven» Charakters rekonstruiert, unterliegen Foucaults Analysen antiker Homoerotik und Eroslehre, von Diätetik und Ethik «folgenreichen Fehleinschätzungen». Nur, hat man das nicht schon längst gewusst? Kaum jemand wird Foucaults Geschichte der Sexualität als kanonische Einführung in die antike Eros- und Gesundheitslehre lesen. Zum Glück hat Detel noch eine andere Pointe zu bieten: dass nämlich diese Fehler weniger mit mangelnder Kenntnis und Vorurteilen zu haben als vielmehr mit Schwierigkeiten Foucaults, die archäologische und genealogische Dimension mit dem Problem der «ethischen Subjektivierung» zusammenzubringen. Leider zeigt der Autor nicht weiter auf, wie in dieser interessanten Wendung Foucaultscher Möglichkeiten gegen den faktischen Foucault kohärentere Ergebnisse zu gewinnen wären.
Es lohnt, Detel und Lemke parallel zu lesen. Wo der eine zu kritisch ist und auf Distanz geht, bleibt der andere ganz in einer immanent-rekonstruktiven Perspektive. Die Wahrheit dürfte in einem ständigen Perspektivwechsel zwischen beiden Herangehensweisen liegen. Die eigentliche Überraschung ist aber, dass es Lemke auf seinem Weg überzeugend gelingt, zwischen der gleichfalls für unzureichend erkannten Machtanalytik der siebziger Jahre und dem Programm einer «ethischen Subjektivierung» zu vermitteln. Das missing link ist die bei Detel nur stichpunkthaft angesprochene Analyse der «Gouvernementalität» (ein Kunstwort, gebildet aus «Gouvernement» und Mentalität) des «Regierungsdenkens». Lemke rekonstruiert beeindruckend vollständig Foucaults politische Theorie, Philosophie und Ökonomie.
Der Topos Regierung integriert die Aspekte ethischer Subjektivität (sich selbst regieren) und politischer Herrschaft (regiert werden) sowie von Macht und Widerstand (nicht länger so regiert werden wollen). Er ermöglicht eine andere Analyse von Phänomenen: etwa des Versicherungsstaates oder der Sozialhygiene als Antwort auf die Identifizierung «gefährlicher Klassen». Schwächen zeigt Lemke höchstens dann, wenn er Foucault noch da zu verteidigen sucht, wo die Ungelöstheit der Probleme auf der Hand liegt so in der Frage des Wahrheitsanspruchs und der Selbstreflexion. Dennoch ist sein Buch eine stupend kenntnisreiche Darstellung des innertheoretisch zwingenden Übergangs von einer als unzureichend erkannten Analytik der Macht zur «ethischen Subjektivierung» im Spätwerk. Detels Studie empfiehlt sich dabei als Korrektiv.
HERMAPHRODISMUS
«Über Hermaphrodismus»: Der Wirrwarr der Titel Umschlag, Buchrücken und Titel geben unterschiedliche Versionen spiegelt wohl die Unterschiede in der Durchsetzungsfähigkeit der Skrupel wider, den Band Foucault zuzuschreiben: Der einzige Text von Foucault in diesem Band ist die elfseitige Einleitung zur amerikanischen Ausgabe der Lebenserinnerungen von Herculine Barbin, genannt Alexina B., der auch der deutschen Ausgabe vorangestellt wurde; zudem hat Foucault ein kleines Dossier zu Leben und «Krankengeschichte» von Herculine B. zusammengestellt. Foucaults Einleitung ist von grosser Behutsamkeit und fordert Behutsamkeit, «discrétion», die «Gabe, Mass zu halten», die Foucault als zweite Bedeutung der Qualität einer ins Detail gehenden Durchforschung zur Seite stellt. Zurückhaltung in der Verknüpfung von Wahrheit und Geschlecht, als Festlegung zwischen genau zwei Möglichkeiten, als die wahre Identität, die über den Weg eines Lebens entscheidet. Die Tragik des Lebens von Herculine B., geboren 1838 als Alexina B., gestorben 1868 durch eigene Hand als Abel B., besteht darin, dass ihr ein Leben abgeschnitten wurde, da sie, 1860 zum Mann ernannt, wegen einer schwachen Physis keine geeignete Arbeit finden konnte. Also eher ein Scheitern am gender als am sex.
Bis zur geschlechtlichen «Neubestimmung» fand dies Leben in der geschlossenen Atmosphäre eines Internats statt, und so liest sich auch ihr Lebensbericht. Neben aller Schwärmerei und Selbstbeteuerung gibt dieser auch zu verstehen, wie wenig skandalträchtig der Fall auf Dauer gewesen ist, wie unspektakulär Klerus, Medizin und Justiz damit umgegangen sind. Der «Fall Barbin» ist kein Fall Rivière. Insofern tut das in der Sache sehr kundige Nachwort der Herausgeber vielleicht des Guten zuviel, wenn es den ganzen Foucault auf den Hermaphroditen ansetzt und ihn zum «geheimen Zentrum» des Diskurses vom «wahren Geschlecht» macht.
Hans-Dieter Gondek