John Stuart Mill (1806-1873) war ein englischer liberal denkender Philosoph und der letzte große Nationalökonom Englands. Mill zählte zu den führenden Intellektuellen Europas in der Viktorianischen Ära.
Sein Vater James Mill begründete zusammen mit Jeremy Bentham die von seinem Sohn dann übernommene und ausgebaute Strömung des "Utilitarismus" dessen Motto es ist, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Menschenanzahl anhand konkreter Handlungen zu erreichen.
Angespornt von seiner Frau Harriet Taylor, trat John Stuart Mill für soziale Reformen und eine gerechtere Verteilung des Reichtums ein. Er versuchte die Forderung nach individueller Freiheit und sozialer Gerechtigkeit zu verbinden.
Durch sein Werk "Die Hörigkeit der Frau" (1869) setzte er sich für die Gleichberechtigung der Frauen ein und wurde somit zu einem Vorreiter der Frauenemanzipation.
Er setzte sich Zeit seines Lebens für das Recht auf freie Meinungsäußerung ein mit der Begründung, dass jede Meinung angehört und toleriert werden sollte damit die einzelnen Menschen ihre eigenen Meinungen anhand anderer Meinungen überprüfen können.
Was ist Wahrheit? Die Wahrheit ist Nichts feststehendes, sie wandelt je nach Blickwinkel und Zeitströmung.
Beeinflusst von Auguste Comte, John Locke, Francis Bacon und David Hume übernahm er den französischen Gedanken des Positivismus und führte ihn in England ein. Für ihn konnten wissenschaftliche Erkenntnisse und ethische Regeln nur aufgrund von Beobachtung und eigener Erfahrung gewonnen werden.
In seinem Hauptwerk "System der deduktiven und induktiven Logik" setzt er sich auf die Seite der induktiven Logik, d.h. für ihn wird eine Erkenntnis aus Einzelbeobachtungen gewonnen. Einzelbeobachtungen die sich wiederholen führen zu einem allgemeinen Gesetz. Vom Einzelnen wird auf das Allgemeine geschlossen im Gegensatz zur deduktiven Methode, wo vom Allgemeinen auf das Einzelne geschlossen wird.
In seinem Buch über die Volkswirtschaftslehre knüpfte er an den Ideen der ersten Nationalökonomen Adam Smith und David Ricardo an.
Mills Begriff der Freiheit
In seinem wichtigsten Werk "Über die Freiheit" verteidigt Mill das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen Bürgers gegen Einschränkungen durch den Staat und durch die "Meinung der Mehrheit".
Mill plädiert für verantwortungsbewusste Individuen gegen die Übernahme von Konventionen. Jeder Mensch sollte sich sein eigenes Weltbild schaffen und nach seinen Regeln und Vorstellungen leben können, auch wenn er dabei Fehler macht. Fehler zu machen ist besser als nichts zu machen bzw. als der "Mehrheit" nachzueifern.
Er sieht die Notwendigkeit zur Bildung starker, selbstbewusster, innerlich freier Persönlichkeit. Diese Notwendigkeit wird aber vom Staat und von der öffentlichen Meinung boykottiert. Alexis de Tocqueville beeinflusste Mill in dem Gedanken der "Tyrannei der Mehrheit": die entstehende Massendemokratie bildet eine neue Form der öffentlichen sozialen Macht und die führt zur "Tyrannei der Mehrheit". Der Druck der öffentlichen Meinung ist in den modernen Demokratien die größte Gefahr für die Freiheit und Entwicklung des Individuums. Nach dem Modell der Mehrheit zu leben ist auch eine Art Unfreiheit. Der einzige Grund ein Individuum in seiner Freiheit zu beschränken ist, wenn dieser einer anderen Person Schaden zufügt. Was keinem anderen schadet ist erlaubt. Der Einzelne weiß selbst am Besten was für ihn gut ist. Je freier der Bürger desto mehr profitiert die ganze Gesellschaft davon. Je mehr sich das Individuum "Lebensexperimenten" unterstellt, desto mehr wird sich eine Gesellschaft nach vorne bewegen.
Mill verteidigt die Freiheit des Denkens und der Lebensführung. Für Mill war die ideale Staatsform die repräsentative Demokratie, d.h. die Möglichkeit letztendlich schlechte Herrscher durch "Kontrolleure" bzw. Abgeordnete die vom Volk gewählt wurden, absetzen zu können. Sogenannte "Kontrolleure" sollte es meiner Meinung nach auch in alle Berufssparten geben, vor allem bei "Lehrern" und "Erziehern". Wer bestimmt jedoch wer ein Kontrolleur sein soll? Und wer kontrolliert die Kontrolleure?
Mill geht es in diesem Essay um die bürgerliche und soziale Freiheit. Es geht ihm um den Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Freiheit und Autorität.
Er verteidigt in seiner Schrift das Recht anders sein zu dürfen und setzt sich für Minderheiten und Außenseitern gegen gesellschaftlichen Konventionen und Meinungen ein.
Vielseitigkeit wird von ihm hoch geschätzt und ist auch der Grund warum Europa derart fortschrittlich werden konnte.
Mill macht sich auch Gedanken über die Befolgung der Lehre Christi.
Menschen befolgen die Lehre Jesu nicht, sie orientieren sich an die allgemein anerkannten, von jedem befolgten Glaubensregeln. Das Christentum ist zu einer Farce geworden, die voll mit Scheinheiligkeit ist, denn kaum jemand lebt wirklich nach den Evangelien. Die ersten Christen gaben sogar ihr Leben für ihren Glauben. Zur Lebenszeit Mills hingegen ging man nur in die Kirche, weil alle in die Kirche gingen, ohne jedoch an irgendetwas zu glauben.
Eine seiner Überzeugungen war, dass bevor man andere liebe man beginnen müsse sich selbst zu lieben.
Geistige und kulturelle Genüsse sollten in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation gesteigert werden.
"Über die Freiheit" wurde zur Programmschrift des modernen Liberalismus. Der Philosoph Popper hat viel von Mill übernommen, z.B. die Falsifikationstheorie wonach wissenschaftliche Erkenntnisse aus Aufdeckung von Irrtümern gewonnen werden Popper hat aber auch einiges an Mills Kritik an totalitären Systemen in seinem Werk einfließen lassen.
Mill hat in meinen Augen vollkommen Recht, aber solches Denken passt leider nicht zur heutigen gesellschaftlichen Realität. Ich finde, dass die Menschen das Bedürfnis haben zu einer Gruppe, zu einer "Mehrheit" zu gehören, weil sie sich dadurch wohler und angenommener fühlen. Mit der Bildung von Gruppenbewusstsein fängt es schon in der Schule an. Manche werden angenommen, sie gehören dann dazu, manche werden ausgeschlossen. Es ist auch schwer festzustellen, wer eine neue Mode, eine Konvention gründet und warum sich diese in der Gesellschaft durchsetzen kann.
Dass jeder die Verantwortung für sein Tun und Denken übernehmen sollte ist ein toller Gedanke, der jedoch nicht umsetzbar ist. Es müsste ein Umdenken in Erziehung und Bildungspolitik geschehen. Man sollte von Kindern mehr an Leistung verlangen und sie für die Leistung belohnen und nicht so wie heute der Fall ist, sie ohne Leistungserbringung zu beschenken und ihnen einzureden, dass sie nichts können und schwach sind. Wenn die Mütter nicht aufhören mit den Kindern die Hausaufgaben zu machen und ihnen nicht endlich die Verantwortung für die Schule überlassen werden, sehe ich keine Möglichkeit starke, selbstbewusste, eigenverantwortliche Menschen heranzubilden. Statt stundenlang vor dem Fernseher zu sitzen oder Spiele am Computer zu spielen, könnten viele Kinder ihre Zeit und Energie in Aufgaben setzen, die ihnen Spaß machen, weil eine gewisse Leistung erbracht werden muss und deshalb auch produktiv wird, wie eine Sportart ausüben, ein Musikinstrument lernen, Bücher lesen oder selbst Geschichten schreiben. Meiner Meinung nach sollten gerade jene Kinder und Erwachsene aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, die ihre kostbare Zeit mit extrem passiven, sich selbst schädigenden Aktivitäten vergeuden. Stärken sollen gestärkt werden und nicht Schwächen bejammert werden. Statt beleidigt auf jemanden zu sein, sollte man eine Kritik als Herausforderung lesen, damit man entweder noch stärker seine Meinung vertreten kann oder seine Meinung revidieren und erneuern kann. Aber dieses Bewusstsein wird sich aus Neid, Selbstmitleid und falsche Prioritätsätzungen in egal welche Gesellschaft nie und nimmer etablieren können. Solange ein Mensch sein Leben nicht selbst in die Hand nimmt, mit allen Unwägbarkeiten und Schwierigkeiten, und solange Menschenkinder nicht so erzogen werden, wird das Ideal eines John Stuart Mill nicht erreicht werden können. Und gerade heute, im 21 Jh. wird die so genannte "Mehrheit der Kinder" eher zu den umgekehrten Werten erzogen, zu Passivität, Unselbständigkeit und Feigheit. Und die "Mehrheit der Erwachsenen" ist heute leider genauso passiv, feig und unselbständig, obwohl seit Erscheinen dieses Essays fast 3 Jahrhunderte vergangen sind.
Hier noch ein paar wichtige Textstellen aus Mills "Über die Freiheit":
Niemand kann ein großer Denker sein, der nicht erkennt, dass es seine erste Pflicht als Denker ist, seinem Intellekt zu folgen, zu welchen Schlüssen er ihn auch leiten mag. Die Wahrheit gewinnt sogar mehr durch die Irrtümer dessen, der mit gehörigem Fleiß und Studium selbständig denkt, als durch die richtigen Ansichten derer, die sie nur vertreten, weil sie sich nicht gestatten, selbst nachzudenken.
Die verhängnisvolle Neigung der Menschheit, über etwas, das nicht länger zweifelhaft ist, nicht weiter nachzugrübeln, ist die Ursache der Hälfte all ihrer Irrtümer.
Lesen Sie weiter... ›