Wenn Marcel Reich-Ranicki zu Worten greift, dann unverhalten temperamentvoll. Genau wie er im "Literarischen Quartett" diskutiert, so schreibt er auch. Sein "Über Amerikaner" ist so authentisch wie der Autor selbst: scharfsinnig, humorvoll und immer ehrlich. "Von Hemingway und Bellow bis Updike und Philip Roth" - 14 amerikanische Bestsellerautoren und ihre Werke werden kritisch und unvoreingenommen gelobt und getadelt.
Marcel Reich-Ranicki scheut nicht präzise, klare Aussagen: "Um es gleich zu sagen, klar und unmissverständlich: Diesen Vladimir Nabokov - ich mag ihn nicht." Was ihn allerdings nicht davon abhält, den ungeliebten Autor oder besser seine Literatur zu verehren. Streng trennt der Literaturkritiker den Menschen von seinem Schaffen. Schwungvoll skizziert er Leben, Charakter und Inhalte der Schriftsteller, ist überzeugt davon, dass jedes schriftstellerische Werk autobiographische Züge seines Autors trägt. Eine Erkenntnis, die nicht ganz neu ist, aber "(...) Literatur, die etwas taugt, erweist sich immer als Selbstdarstellung; aber Literatur, die bloß Selbstdarstellung ist, taugt nicht viel." Und das ist der Grat, der jeder Schriftsteller geht, eine der Messlatten, die gute von der weniger guten Literatur unterscheidet.
Wenn Vladimir Nabokov die Hauptperson "Pnin" nach Amerika emigrieren lässt, wird jener dort niemals wirklich zu Hause sein und somit hat der Autor seine ganz persönliche Erfahrung als Fremder in der Ferne in seinen Roman einfließen lassen. Arthur Millers spätere Werke sind von seiner Ehe mit Marilyn Monroe geprägt und John Updikes "wichtigeren Arbeiten sind auf direkte und gleichwohl diskrete (...) Weise eben autobiographisch." Mit genauen Recherchen um die Vergangenheit und Gegenwart der Autoren öffnet der Kritiker dem Leser die Augen für ganz neue Blickwinkel der besprochenen Literatur.
Es gibt einen Grundsatz, dem der Literaturkritiker getreu zu folgen scheint: "Wer lobt, hat es leicht: Niemand wird es ihm verübeln, wenn er darauf verzichtet, Beispiele anzuführen." Wer aber kritisiert, der setzt sich Empörung und Angriffen aus, muss sein Urteil stets gut begründen. Auch in dieser Hinsicht bleibt Marcel Reich-Ranicki uns nichts schuldig, was sicherlich mit dazu beigetragen hatte, dass er immer noch zu den beliebtesten Literaturkritikern im deutschsprachigen Raum zählt.
Über Saul Bellow weiß er zu berichten, dass er sein Handwerk versteht, aber seine Helden für "publizistische Mitteilungen und Überlegungen missbraucht". Nichtsdestotrotz bezeichnet er den Schriftsteller als hochbegabten Autor, auch wenn ihn der Inhalt seiner Werke nicht überzeugen kann. Mary McCarthy wiederum nennt er die "mittelmäßigste unter den weltberühmten Schriftstellern", und Henry Roths "Nenne es Schlaf" hatte mitunter Pech mit der Übersetzung in die deutsche Sprache, aber auch die Erzählperspektive aus Sicht eines Achtjährigen erscheint unglücklich gewählt. Hebt Marcel Reich-Ranicki den kritischen Finger, so geschieht dies niemals unbedacht, denn er hat sich zuvor intensiv mit dem Werk beschäftigt. Mit Lob allerdings geht der Kritiker ebenso offenherzig um wie mit Tadel: Offen bekennt er sich zu Philip Roth, hält John Updike hoch und nennt Joyce Carol Oates eine große Erzählerin.
John Updike und Philip Roth, Joyce Carol Oates oder Ernest Hemingway, Arthur Miller und Jerzy Kosinski - der Essayband "Über Amerikaner", mit einem ausführlichen Verzeichnis der behandelten Bücher und einem Personenregister versehen, ist die vollständige Sammlung von Aufsätzen und Kritiken über amerikanische Autoren von Marcel Reich-Ranicki. Das Buch liest sich spannend wie ein Krimi und gehört eindeutig zu der bildenden Lektüre mit Lesespaß!
(c) Michèle Kirner-Bernoulli von Literaturtipp.com