Schon der Titel ist ein Wortspiel, denn eine wirkliche Evolution der Ötziforschung von einer 1.0 zu einer 2.0 Version hat nicht stattgefunden, stattdessen sind nun eben schon 20 Jahre vergangen seit man den Mann aus dem Eis geborgen und damit eine einzigartige Tür in die Frühgeschichte des Alpenraums aufgestoßen hat. Und immer wieder sorgen durch den Iceman möglich gemachte Entdeckungen dafür dass Ötzi auch 20 Jahre danach immer noch für internationale Schlagzeilen sorgen kann. Kein Wunder also wenn unter der Herausgeberschaft der Direktorin des Südtiroler Archäologiemuseums Bozen, Dr. Angelika Fleckinger, 2011 der vorliegende populärwissenschaftliche Ötzi-Band auf den Markt gekommen ist. Und weil Jubiläen so schön sind wird es wohl nicht der letzte Jubiläumsband des Jahres bleiben.
Ötzi 2.0 trumpft vor allem mit einer bunten und nur in Einzeilern jeweils am Kapitelbeginn vorgestellten Beitragendenschar auf, die einen vielgestaltigen Blick auf das Phänomen Ötzi erlaubt. So ganz sachlich ist das ganze dabei nicht immer und so reichen die Beiträge von einer eher biederen Analyse der Medienberichte, über die Ausführungen des Pathologen und Konservators Eduard Egarter-Vigl zum Kriminalfall Ötzi, neuesten Forschungserkenntnis bis zur Fundgeschichte und dem "Fluch der Mumie aus dem Eis". Also wie der Untertitel "Eine Mumie zwischen Wissenschaft, Kult und Mythos" ein wenig von allem, wissenschaftliche Erkenntnisse, gepaart mit einer Untersuchung des Kults und klassischerweise auch des Mythos. Das lässt sich nun als von allem zu wenig oder eben auch nettes Panorama bezeichnen, letztes vor allem wenn man sich dem Phänomen Ötzi bisher eher nur durch Medienberichte angenähert hat.
Nach dem Vorwort der Herausgeberin ist es vor allem Beat Gugger, der es versteht mit seinen Ausführungen zur archäologischen Sensation die der Fund des Iceman bedeutet zu faszinieren. Ötzi ist nicht nur der älteste Kriminalfall der Weltgeschichte, sondern tatsächlich die älteste erhalten gebliebene Mumie, deren Besonderheit ist, dass er im Gegensatz zu vielen anderen "Besuchern" aus vergangener Zeit, direkt aus dem Alltag herausgerissen wurde. So sind uns gerade jene Alltagsgegenstände und Utensilien erhalten geblieben, die zu einer kleinen Revolution in der Erforschung der europäischen Frühgeschichte geführt haben. Welche Erkenntnisse durch Ötzi genau gefördert werden konnten beschreibt schließlich Andreas Putzer, wobei dieser auch beschreibt was man über die Mumie aus dem Eis selbst herausgefunden hat, wie seine Augenfarbe oder wo er wohl gelebt hat.
Ein anderes Streiflicht ist Elisabeth Elisabeth Rastbichler Zissernigs Präsentation der zufälligen Fundgeschichte, um die Frage zu beantworten wie der Ötzi überhaupt entdeckt wurde. Rastbichler Zissernig beschreibt dabei detailliert wie die Eismumie zuerst für einen erst kürzlich verstorbenen Alpinistin gehalten und daher auch nicht mit der sonst zu erwartenden größten Vorsicht behandelt wurde. Es war schließlich eine Verkettung glücklicher Zufälle, dass auch Reinhold Messner zugegen war und schon vor der sachgemäßen Altersbestimmung mit der Vermutung aufwarten ließ dass die gefundene Leiche ein weit größeres Alter aufzuweisen hat als zunächst angenommen. Durch Messners Prominenz angeregt setzte schließlich ein massives Rascheln im Blätterwald ein, dem sich Mark-Steffen Buchele gewidmet hat. Buchele untersucht vor allem auch die Medienberichte, auch hin auf Fragen mit welchen Namen Ötzi zunächst und schließlich in unterschiedlichen Kulturkreisen bekannt wurde (international ist der Ötzi vor allem als "Iceman" bekannt geworden).
Mit Eduard Egarter-Vigl kommt übrigens auch der Pathologe zu Wort (zum Kriminalfall Ötzi), der maßgeblich für die Konservierung der Mumie verantwortlich ist. Genau ein Kapitel danach setzt sich Hans Karl Peterlini dann mit Ötzis Entdecker Konrad Spindler und auch der Involvierung Egarter-Vigls auseinander. Aber auch deutlich trivialeres weiß Ötzi 2.0 zu berichten. So geht Cees Strauß auf die Geschichte der am Titelbild zu bestaunender Ötzi-Rekonstruktion der niederländischen Künstler-Brüder Kennis & Kennis ein und was wäre ein Buch über eine Mumie ohne etwas romantisch-mystisches wie einen Fluch? Auf "Ötzis Fluch" kommt schließlich Karl C. Berger zu sprechen und berichtet von den 8 Opfern die Ötzi bereits gefordert haben soll, das letzte war 2004 Entdecker Helmut Simon selbst.
Deutlich seriöser, wenn auch eher exkursorisch gestalten sich da Beitrage wie jener Reiner Sörries, über die nicht ganz in den populärwissenschaftlichen Rahmen zu passen scheinende Diskussion um das Totenrecht und die öffentliche Zurschaustellung toter Körper. Ob der Ötzi auch ein tauglicher Wirtschaftsfaktor für die Region ist, dieser Frage spüren gleich zwei Beiträge nach. Elisabeth Vallazza untersucht hierbei explizit den Wirtschaftsfaktor Ötzi, während Katharina Hersel und Vera Bedin dessen touristischen Wert einer eingehenden Untersuchung unterziehen.
- Resümee -
Ein Beitragssammelband der von allem ein wenig bietet und das ist für Leser entweder ein breiter Überblick oder von allem oder eben speziellem zu wenig. Und so würde man die einzelnen Beiträge wohl ganz unterschiedlich, je nach Interesse und eigener Informationslage bewerten, was es umso schwieriger macht dem Gesamtband eine faire Bewertung zuteil werden zu lassen.
Also die Empfehlung: Ötzi 2.0 ist ein Sammelband der eine breite Themenvielfalt zu Fundgeschichte, Erkenntnissen rundum Ötzi und allerlei mit ihm verbundene Themen bietet. Wer sich bisher nur oberflächlich mit dem Mann der aus der Kälte kam beschäftigt hat und nun einen unverbindlichen Überblick zu Ötzi sucht, dem sei das Werk empfohlen.