"Eine tausendjährige Geschichte" verheißt der Autor im Untertitel dem Leser des vorliegenden Buches. Da ist man natürlich gespannt - und wird erst einmal enttäuscht. Denn die 1000 Jahre Österreich, die der Autor auf über 500 Seiten schildern will, werden dem Leser doch sehr ungleichgewichtig präsentiert. Die ersten siebzig Seiten führen im gestreckten Galopp von den ersten Habsburgern des Mittelalters bis zur Revolution von 1848 (!) Die nächsten 200 Seiten beschreiben den Werdegang "Kakaniens", d. h. die Epoche Kaiser Franz Josephs I und der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, die im Strudel des Ersten Weltkrieges schließlich zerbricht. Und der gesamte Rest, also die Hälfte des Buches hat die Geschichte Rumpfosterreichs zum Thema, jener unnatürlichen "Kaulquappe mit dem großen Kopf und den schmalen Rumpffortsatz" die ihren Platz in Europa so lange nicht finden kann, bis sie schließlich ein Opfer des sog. Großdeutschen Reiches wird.
Es handelt sich also bei dem vorliegenden Buch um eine Kombination dreier Bücher, verbunden allein durch den immer neu fokussierten Blick des Autors auf die "österreichische Mission", worunter Brook-Shepherd die Zivilisierung und Zusammenfassung des Donauraumes unter deutsch-österreichischer Führung versteht (für die naturgemäß nach dem Ersten Weltkrieg keinerlei Bedarf mehr bestand).
Wer überhaupt keine Ahnung von der österreichischen Geschichte hat, wird das Buch vor allem in seinen ersten beiden Teilen durchaus mit Gewinn lesen können (Ob dann im dritten Teil man 250 Seiten über 25 Jahre in einem Buch über 1000 Seiten Österreich erwarten sollte, sei dahingestellt ). Auch der Stil des Autors ist eingängig, die Wertungen sind interessant, die historischen Vergleiche lehrreich. Vor allem der geraffte und instruktive Abriss der Geschichte Kakaniens ( S. 81-295) ist meiner Ansicht nach ohne Einschränkungen auf einem sehr ansprechenden Niveau empfehlenswert Was aber wirklich stört sind die zahlreichen Ungenauigkeiten und Fehler, die auf die Dauer die Lust an der Lektüre ein wenig vergällen. So erscheint Karl der Große als "deutscher" König ( S. 15), der Autor verwechselt die Bestimmungen des privilegium minus von 1156 mit denen der Fälschung des privilegium maius von 1360 ( ohne beide Begriffe auf S. 18 überhaupt zu nennen und lässt nach dem Tode Karls des Kühnen den gesamten burgundischen Besitz an Maximilian von Habsburg fallen ( fast die hälfte aber erhält Ludwig XI von Frankreich). Bei so vielen Fehlern auf den ersten Seiten wird man natürlich für den Rest des Buches ein wenig skeptisch.