"Ökotopia" ist insofern eine klassische Utopie, als sie, wie ihr Renaissance-Vorgänger "Utopia", einen alle Bereiche und Aspekte des Lebens umfassenden Gegenentwurf zur bestehenden gesellschaftlichen Realität zeichnet. Das verbindende utopische Konzept aller behandelten Lebensbereiche könnte man mit dem Wort "Natürlichkeit" benennen: Schonung der Ressourcen auf ökonomischen Gebiet, "Natürlichkeit", weil Unverstelltheit, im sozialen Miteinander und gegenüber sich selbst (Thema Selbstverwirklichung), natürliche Autorität im Gegensatz zu zementierten Machtstrukturen... et cetera.
Die große Ingeniosität Callenbachs zeigt sich darin, dass er tatsächlich zu allen Aspekten des menschlichen Wirtschaftens und Lebens interessante und nicht selten überzeugende Gegenentwürfe anbieten kann, die auch noch durch einen gemeinsamen Geist, eine Art ökotopianischen "Spirit", getragen und zusammengehalten werden. Nachsehen muss man es Callebach, dass sein ökotopisches Ideal von 1975 auch noch einige Aspekte seiner Zeit enthält, die aus der (damals noch existierenden) sozialistischen Welt stammen und eigentlich dem libertären und der individuellen Entwicklung verpflichteten Geist Ökotopias widersprechen; so etwa die wohl von der Kulturrevolution im damaligen China inspirierte "Kritik" des Einzelnen durch das Kollektiv und auch noch andere, ähnliche, Praktiken, in denen das Kollektiv dem einzelnen doch sehr auf die "Pelle rückt", und die in anderen Kontexten wohl als Nötigung bezeichnet würden.
Relativ flüssig ist "Ökotopia" zu lesen, weil es trotz ausführlicher "Reportage" der dortigen Lebensumstände auch die persönlichen Reflexionen seines Helden, des Journalisten William Weston, widergibt, und dessen Reisebericht nicht nur durch eine Liebesgeschichte bereichert sondern auch durch die glaubhafte Schilderung seiner persönlichen psychologischen Entwicklung mit einer erzählerischen Struktur ausgestattet wird.