Die durchaus interessante These dieses Buches ist es, das zusammen mit Wissen (Redundanz) immer auch Nichtwissen (Varietät) produziert wird, beides somit untrennbar zusammen gehört. Abgehandelt wird dies am (Aufstieg und) Fall des „Neuen Marktes" eines inzwischen nicht mehr unter diesem Namen vorhandenen Börsensegmentes (geschlossen seit 05.06.03).
Die Autorin -eine Soziologin- hat den Anspruch mit dieser Dissertation einen Beitrag zu einer theoretischen Fundierung einer neuen Ökonomie zu leisten (Vorwort). Das ihr dies gelungen ist, darf mehr als bezweifelt werden, allenfalls ist ihr Beitrag marginal zu nennen.
Formal gewöhnungsbedürftig ist der durchgehend verwendete pluralis majestatis und die gleichzeitige (kontingente?) Verwendung von Fußnoten v.a. zu Anmerkungen und der Harvard Zitierweise für Quellenangaben. Dem Werk ist die starke Luhmann-Orientierung mit der im „Soziologie-Zusammenhang" üblichen Verwendung von (sinnlosen) Phrasen, die die Autorin wohl selbst nicht immer verstanden hat, leider anzumerken. Was ist beispielsweise eine „Interrelation", und welchen Neuigkeitswert hat die Aussage, daß eine Monopolisierung durch Wettbewerb unterminiert wird (S. 154)?
Eine kritische Betrachtung von Ansichten anderer Autoren findet nicht statt, vielmehr werden deren Ansichten eklektizistisch aneinandergereiht (vor allem Luhmann) als wenn es sich um einen Bestand sicheren Wissens handeln würde - und dies in einer Arbeit, die sich mit dem Verhältnis von Wissen und Nichtwissen beschäftigt! Die verbreitete Einsicht, das in der Neuen Ökonomie auch neue Regeln gelten (S. 52) war ja vielleicht falsch...
Warum die gängige Vorstellung von einer Aktie die eines Mitgliedspapiers (das Stimmrecht von Aktionären ist nicht das von Genossen) sein soll (S. 122 f.), bleibt wohl das Geheimnis der Autorin. Ebenso verhält es sich mit der von der Autorin als „Wunderwaffe" entdeckten „Balanced Scorecard", mit der sie die Probleme lösen möchte, die bei Bewertungen (im Bewertungszusammenhang sozusagen) insbesondere von Unternehmen der „new economy" hinsichtlich deren Überhangs von immateriellen Werten (hatten sie aber wohl meistens nicht) auftreten. So wird wird ein Gegensatz zwischen Methoden der Fundamentalbewertung und der Balanced Scorecard (BS) konstruiert, den es so gar nicht gibt. Das die BS „ein elaboriertes Modell zur Bewertung "... immaterieller Vermögenswerte" ist, wird behauptet, aber nicht erläutert, und darf wohl auch angezweifelt werden. Wie mit der BS der Wert einer Marke oder des Rufes eines Unternehmens bewertet werden soll (in Zahlen wohlgemerkt) bleibt ebenfalls offen.
Das Buch ist nur bedingt empfehlenswert. Die Autorin hat eine recht umfangreiche Bibliographie (ganz toll: Luhmann) und eine interessante These. Wer das Soziologendeutsch nicht scheut und der Autorin nicht immer glaubt, kann trotzdem einen Nutzen daraus ziehen.