Das Buch legt man nicht so schnell aus der Hand. Es ist eine interessante und unterhaltsame Einführung in die Wirtschaft. Leider lehrte sie mich auch, wie günstig meine Überzeugungen sind. So kostet es nur ein paar Stunden lesen in Ökonomics, um nicht weiter hinterfragte Prinzipien aufzugeben. Zum Beispiel, das "Globalisierung böse ist" oder dass "das chinesische Wirtschaftswachstum eine Bedrohung darstellt" wegen der Umwelt.
Ich bin Tim Harfords ökonomisch ungebildete Zielgruppe. Er spricht mir aus der Seele, wenn er schreibt: "Wenn man genug Zeit vor dem Fernseher verbringt, um Bloomberg TV zu sehen, oder das Wall Street Journal liest, gelangt man leicht zu dem falschen Eindruck, bei der Wirtschaft gehe es um Kolonnen langweiliger statistischer Zahlen mit so seltsamen Bezeichnungen wie BIP (Bruttoinlandsprodukt)" (S. 161) Genau das dachte ich. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, das man als kühler Rechner sogar den Planeten rettet: "In einer Welt, in der Umweltschutz als moralisches Problem betrachtet wird, können nicht einmal Umweltschützer nachweisen, wie alltägliche Entscheidungen unsere Umwelt belasten." (S. 152)
Für Tim Harford, Kolumnist der Financial Times, ist "die Wirtschaft" die Welt der Wahrheit, in der "Lügen" wie überteuerte Dotcom Aktien, Planwirtschaft, Protektionismus oder auch zu billiger Capuccino bankrott gehen. Für ihn ist Wirtschaft das Fundament, um den Alltag zu verstehen und um seinen Geheimnissen auf die Spur zu kommen: Als "Undercover-Ökonom", wie er es nennt, dessen Waffe "Wirtschaftstheorie" heißt. Mit David Ricardo erklärt er, warum ich in der Stadt keinen billigen Cappuccino bekomme. Nebenbei erfahre ich, was es mit Preistargeting auf sich hat. Der Stau im Berufsverkehr illustriert das Thema externe Effekte. Das Insiderproblem erklärt, wieso ich keinen günstigen Gebrauchtwagen bekomme und was in allen Ländern außer in Singapur mit der Krankenkasse falsch läuft.
Das für mich Besondere an Harfords Buch ist, dass es aus emotionalen Themen die Hysterie herausnimmt. Stichworte sind hier beispielsweise Sweat Shops, Umweltschutz und die Preispolitik der Pharma-Industrie in Drittweltländern. Ich hatte aber nicht den Eindruck, dass er sich damit zum Anwalt eines diffusen Militärisch-Industriellen-Komplexes macht: für Harford ist Wirtschaft ein Supercomputer, in dem alles, sogar Gefühle, einen genau bezifferbaren Wert bekommen. Langfristig kann nichts geschehen, was den Wünschen "der Masse" widerspricht. Vorausgesetzt die Wirtschaft ist die freie Marktwirtschaft.
Ich habe das Buch mit Gewinn gelesen. Nicht nur, weil ich jetzt, nach der Lektüre des Buches den zackig aufwärtsstrebenden Kursen irgendwelcher Anlageempfehlungen meiner Sparkasse eher skeptisch gegenüberstehe und mich über das verzweifelte Gesicht des Bankangestellten freue, wenn ich nach dem Kurs-Gewinn-Verhältnis frage. Das Buch ist unterhaltsam, kompetent und verständlich geschrieben und damit unbedingt allen zu empfehlen, die die Geschichte eines Preises, wie zwei Euro fünfzig für einen Capuccino oder 40 Dollar für Amazon-Aktien im Oktober 2004, kennen möchten, um so den tatsächlichen Wert zu erahnen. Einen ersten Eindruck von Harfords Stil, Witz und Know-how bekommt man auf seiner Website: timharford.com