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Ökologische Selbstgefährdung der Gesellschaft bedeutet, dass die Gesellschaft ihre Gefährdung durch die Umwelt selbst erzeugt, und zwar durch Kommunikation. Die Gesellschaft kann nach Luhmann ohnehin nichts anderes als kommunizieren. Und so sollte es auch nicht verwundern, dass das Ergebnis von Luhmanns Analyse nüchtern ausfällt: Auf Umweltkatastrophen kann die Gesellschaft nur durch ihre Funktionssysteme reagieren (kommunizieren). Und diese reagieren bzw. beobachten aus einer je eigenen Perspektive, nach je eigenen Relevanzen: für die Wirtschaft als Frage der Kosten (bzw. Gewinne), für die Politik als Wahlchancen, für die Wissenschaft als Thema neuer Forschung etc. Ohne Spitze und Zentrum ist auch eine moralische Integration der gesamten Gesellschaft nicht möglich: der moralische Appell z.B. von sozialen Protestbewegungen in Richtung Wirtschaft oder Politik erzeugt dort lediglich ein Rauschen, das auf ökonomische Rentabilität bzw. auf Wahlchancen hin beobachtet wird. Die Teilsysteme reden also mehr oder weniger aneinander vorbei.
Gezeigt anhand der ökologischen Frage, bietet dieses Buch einen tollen Überblick über die Teilsysteme und ihr Zusammen- (bzw. Auseinander)spiel. Man lernt dabei eine Menge über die moderne Gesellschaft, ihre Funktionssysteme und natürlich über Luhmanns Systemtheorie. Insofern ist das Buch auch eine Art Geheimtipp für alldiejenigen, denen die gesamte Gesellschaftstheorie von Luhmann zu umfangreich ist. Denn „Ökologische Kommunikation" fasst die wichtigsten ihrer Bestandteile zusammen und liefert einen eindrucksvollen Anwendungsfall gleich mit.
Typisch für Luhmann ist auch dieses Buch in einer schwierigen Sprache geschrieben. Kenner der Systemtheorie sind hier sicherlich im Vorteil. Für Soziologen und soziologisch interessierte Leser ist das Buch absolut empfehlenswert. Politikwissenschaftler und idealistische Umweltschützer werden wohl eher empört oder verstört sein, denn sie werden mit unüblichen Sichtweisen konfrontiert, die eher relativistisch und eher pessimistisch in die Zukunft blicken lassen. Eine Auseinandersetzung mit Luhmanns Buch ist trotzdem auch für letztgenannte eine große Bereicherung.
Wenn man sich ersteinmal durch Luhmanns Lebenswerk (Die Gesellschaft der Gesellschaft) gegraben hat, so ging es mir - ist man wohl erst mal ohnmächtig. Nicht nur die Begriffswelt Luhmanns und ihre hohe Abstraktion, sondern auch der Verlust Normativer Strukturen läßt einen schauern. Das will nicht heißen, daß man dieses Werk nicht beachten sollte - im Gegenteil, doch wenn man es auf einer tieferen Abstraktionsebene haben will, sollte man lieber "Ökologische Kommunikation studieren. Allerdings könnte dann das Verständnis für wichtige Begriffe fehlen, die grundlegend sind für ein wenig Verständnis von Luhmann Gedankenkonstrukt. Wer sich mit soziologischen Fragestellungen beschäftigt, kennt das Dilemma: in der Gesellschaft kommt ungefähr alles vor. Sie ist eben komplex. Sie ist eine emergente Ordnung. Kritik Luhmanns war, daß bisherige Theorien an dieser Vielheit (und ihrer Einheit)gescheitert sind. Vielmehr sei es also nötig, die Beobachtungsweise zu reduzieren: auf die Differenz von System und Umwelt. Man soll eben nicht die Einheit betrachten,sondern die Unterschiede, die sie macht... Und da ist man schon in einer völlig abstrakten Begriffskonstruktion gelandet, die man erst mal denken lernen muß. Schließlich also gibt es nach Luhmann Systeme, die gegen Umwelteinflüsse weitgehend abgeschottet sind, und aber nur in Ausnahmefällen auf Umwelteinflüsse reagieren. Die Teilsysteme des Sozialen Systems "Gesellschaft", z.B. arbeiten nach Codes. Änlich wie Parson (Das System moderner Gesellschaften)gibt es Teilsysteme,die sich mit spezifischen gesellschaftlichen Bezugsproblemen befassen. Bei Luhmann ist dieses Prinzip noch ausgeprägter: die Funktionssystemen erfüllen nur eine gesellschaftssyspezifische Funktion und programmieren ihre Operationen (Kommunikationen) nach binären (zweiwertigen) Codes. So arbeitet das politische System nach dem Code "Regierung/Opposition", die Wirtschaft nach "Zahlen/ nicht Zahlen(können)", das Erziehungssystem nach "bestehen/nicht bestehen". Unter diesen Vorraussetzungen kann man sich dann sehr wohl fragen, ob diese Funktionssysteme überhaupt resonanzfähig sind für ethisch/moralische Appelle, etwa die Umwelt zu schonen, denn jeder Zug von Normativität scheint aus der Welt. Ein Appell an ein Funktionssystem kann nach Luhmann nur in einer ihm verständlichen Weise so kommuniziert werden , daß es diesen auch versteht, eben in der Form seines Codes: für Umweltproble (Rohstoffknappheit, Pollution) bedeutet dies, um an das wirtschaftl. System zu kommunizieren: Preiserhöhungen, wobei dies Problem aufgrund der Interdependenzen der Systeme untereinander nicht aus der Welt ist, sondern möglicherweise als Inflation ins Wirtschaftssystem zurückkommt...Fontane würde sagen: ...ein weites Feld... Luhmann kann auch nicht wirklich Antworten geben auf die Frage, die er stellt,aber er gibt faszinierende Anstösse, einmal anders zu denken. Eine lohnende Lektüre!
Hannes Barske
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