Am Thema Ökologie/Umwelt scheiden sich die Geister: Die einen verbreiten Weltuntergangsstimmungen und klagen die moderne Gesellschaft (meist gesehen als kapitalistische Wirtschaftsordnung) an und/oder sind der Meinung, die Politik könnte die Umweltprobleme lösen. Die anderen deklarieren das Thema lieber als politisches Luxusproblem, mit dem man sich am besten erst dann beschäftigt, wenn „wichtigere" Probleme wie etwa Arbeitslosigkeit gebändigt sind.
Luhmanns Zugang zum Thema Ökologie ist ein anderer, der in seiner Form zwar ungewohnt daherkommt, aber nicht weniger einleuchtet: Sein Buch ist keine Anleitung für die Politik, wie sie Umweltprobleme in den Griff bekommt. Es ist genauso wenig eine Kampfansage an den Kapitalismus. Vielmehr ist es eine nüchterne Analyse der modernen Gesellschaft und ihrer Struktur: einer funktionalen Differenzierung in Teilsysteme wie Politik, Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Erziehung usw. Aufgrund dieser Formation der Teilsysteme, die gleichberechtigt nebeneinanderstehen, verfügt die moderne Gesellschaft weder über eine Spitze noch über ein Zentrum. Das hat zur Folge, dass niemand für sich beanspruchen kann, die Gesellschaft zu repräsentieren, in ihrem Namen zu sprechen, oder für alle verbindlich zu sagen, wie Gesellschaft aussehen müsste. Auch die Politik nicht, von der ja meist erwartet wird, (wenigstens) sie könnte die Gesellschaft steuern. Politik ist aber nur ein Teilbereich neben vielen anderen.
Ökologische Selbstgefährdung der Gesellschaft bedeutet, dass die Gesellschaft ihre Gefährdung durch die Umwelt selbst erzeugt, und zwar durch Kommunikation. Die Gesellschaft kann nach Luhmann ohnehin nichts anderes als kommunizieren. Und so sollte es auch nicht verwundern, dass das Ergebnis von Luhmanns Analyse nüchtern ausfällt: Auf Umweltkatastrophen kann die Gesellschaft nur durch ihre Funktionssysteme reagieren (kommunizieren). Und diese reagieren bzw. beobachten aus einer je eigenen Perspektive, nach je eigenen Relevanzen: für die Wirtschaft als Frage der Kosten (bzw. Gewinne), für die Politik als Wahlchancen, für die Wissenschaft als Thema neuer Forschung etc. Ohne Spitze und Zentrum ist auch eine moralische Integration der gesamten Gesellschaft nicht möglich: der moralische Appell z.B. von sozialen Protestbewegungen in Richtung Wirtschaft oder Politik erzeugt dort lediglich ein Rauschen, das auf ökonomische Rentabilität bzw. auf Wahlchancen hin beobachtet wird. Die Teilsysteme reden also mehr oder weniger aneinander vorbei.
Gezeigt anhand der ökologischen Frage, bietet dieses Buch einen tollen Überblick über die Teilsysteme und ihr Zusammen- (bzw. Auseinander)spiel. Man lernt dabei eine Menge über die moderne Gesellschaft, ihre Funktionssysteme und natürlich über Luhmanns Systemtheorie. Insofern ist das Buch auch eine Art Geheimtipp für alldiejenigen, denen die gesamte Gesellschaftstheorie von Luhmann zu umfangreich ist. Denn „Ökologische Kommunikation" fasst die wichtigsten ihrer Bestandteile zusammen und liefert einen eindrucksvollen Anwendungsfall gleich mit.
Typisch für Luhmann ist auch dieses Buch in einer schwierigen Sprache geschrieben. Kenner der Systemtheorie sind hier sicherlich im Vorteil. Für Soziologen und soziologisch interessierte Leser ist das Buch absolut empfehlenswert. Politikwissenschaftler und idealistische Umweltschützer werden wohl eher empört oder verstört sein, denn sie werden mit unüblichen Sichtweisen konfrontiert, die eher relativistisch und eher pessimistisch in die Zukunft blicken lassen. Eine Auseinandersetzung mit Luhmanns Buch ist trotzdem auch für letztgenannte eine große Bereicherung.