Letzte Woche bekam ich Peter Unfrieds (ich nehme es vorweg: großartiges) Buch »Öko« zum Geburtstag geschenkt. Zugegebenermaßen rutschte es zunächst auf dem Gabentisch etwas nach hinten (genauer gesagt, hinter Band 2 und 3 der Milleniums-Trilogie von Stieg Larsson). Aber 'dann zog der nächste Morgen herauf und war infolge übermäßigen Alkohol ' und Nikotinkonsums so furchtbar, dass neben einer Grundreinigung der Wohnung auch eine Katharsis vonnöten schien, um das innere Gleichgewicht einer preußisch-protestantischen Pfarrerstochter wieder herzustellen. Da lag sie nun, die grüne Verheißung eines besseren Lebensgefühls und so tauchte ich ein in die Welt der A++-Kühlschränke, Lohas und Hybridfahrzeuge - und mit welchem Erfolg: Läuterung!
Vieles ist bekannt, manches hätte man vielleicht auch lieber gar nicht so genau gewusst (dazu gleich mehr). Das große Verdienst von Unfrieds Buch liegt meiner Meinung nach darin, dass man bereit ist, sich von ihm für dieses Thema, das ja unter anderem auch von einigen Schreckensgestalten sowohl im öffentlichen als privaten Umfeld besetzt ist, vereinnahmen zu lassen. (Ja, ich bin sicher das so verallgemeinern zu können, ohne dabei nach Manier eines mittlerweile nahezu in Vergessenheit geratenen Vanity Fair-Chefredakteurs vom »liberalen Bürgertum zu reden« und eigentlich mich selbst zu meinen. Übrigens auch eine ganz herrliche Passage des Buchs!) Das liegt zum einen an der Treffsicherheit, mit der der Autor vertraute Szenen und Menschen skizziert sowie der feinen Selbstironie, mit der Weg hin zu einem neuen, besseren Lebensstil beschrieben wird. (Mein entzückender Langzeitverlobter ist ja auch felsenfest davon überzeugt, dass der horrende Betrag im dreistelligen [!] Bereich, den wir monatlich [!!] für den Stromverbrauch [in] unserer 2,5 Zimmerflucht bezahlen müssen, einzig und allein darauf zurückzuführen ist, dass ich nachts schon einmal gerne eine 15-Watt-Glühbirne im Flur brennen lasse ' und nicht etwa auf seine wiederholten täglichen Duschorgien, mit deren Wassermenge bestimmt mehrere Wannen [Whirlpools!] gefüllt werden könnten. Als aufmerksame Gala-Leserin weiß ich ja, dass z. B. Julia Roberts angeblich nie länger als 3 Minuten unter der Dusche steht [mit Haarewaschen??],' doch das beeindruckt ihn wenig.)
Zum anderen ist es die Fülle an einschlägigen Informationen, die einem schon geboten wird, bevor man noch das große »aber« ausformuliert hat. Sehr schön auch im Anhang das Verzeichnis der im neuen Lebensabschnitt unerlässlichen Webadressen. Hier liegt ein großer Vorteil der gewählten Biographie-Form (so etwas kann aber nur und erst recht bei diesem Thema funktionieren, wenn ein Autor diese Projektionsfläche bietet ' denn wer will sich schon mit moralinsauren Jammerlappen identifizieren, die es immer schon gesagt und gewusst haben. Ganz wundervoll hierbei auch die »liebe Frau« des Autors, die in kishon-esker Weise das Erlangen neuer Bewusstseinsebenen begleitet bzw. kommentiert.), bei der der Brückenschlag zwischen Hedonismus und Moral gelungen ist.
Was mich (die im Zweifelsfall Sinclairs »Dschungel« Schlossers »Fast Food Nation« vorziehen würde) dann endgültig von Peter Unfrieds Buch überzeugt hat, ist dass der Kostenfaktor, der ja durchaus damit verbunden ist, ein bewusst lebender Mensch im Sinne ökologischer Nachhaltigkeit zu sein, nicht unter den Tisch gefallen ist. 'Längst keine Selbstverständlichkeit unter den (anderen) Öko-Aposteln, die nur zu gerne durchdrungen von der Bedeutung ihres eigenen Handels völlig ausblenden, dass für diesen »Lohas«-Lifestyle entsprechende finanzielle Mittel vorhanden sein müssen - wie viele Hartz IV-Empfänger kaufen wohl in der »LPG« ein? (Aber vielleicht ist es ja auch nicht ausgeblendet, sondern der altbekannte Thrill »etwas Besseres« zu sein - ganz wunderbar dazu das »Blutwurst«-Gespräch der Herren Unfried und Misik.)
Der einzige Wehmutstropfen bei bzw. nach Lektüre des Buchs besteht in der bitteren Erkenntnis, dass es nun doch nichts mehr mit dem amerikanischen Kühlschrank wird, denn obwohl ich im Gegensatz zum Autor auch im Winter Eiswürfel in meine Getränke werfe, ist die Anschaffung eines solchen Geräts, das es bestenfalls in der »A«-Ausführung gibt, nicht mehr denkbar. Mist!