Germanistik, Band 44 2003 Heft 1/2
[...] Dabei geht es nicht darum, linguistische Laien gegen Experten auszuspielen. Der aufklärerische Anspruch der Verf. richtet sich vielmehr gegen laienlinguistische Worturteile, die trotz - oder wegen - ihrer sprachwissenschaftlichen Unhaltbarkeit zu Steuerungsinstrumenten politischen Denkens und Handelns mutieren (vgl. die Kritik der Wörter 'Einwanderungsland', 'Leitkultur'). - Das Ergebnis der Untersuchungen ist eindeutig: Die Mehrzahl der laienlinguistischen sprachreflexiven Argumente und Argumentationstopoi im Rahmen der politischen und publizistischenSprachkritik, als deren jüngstes Kind der 'PC'-Diskurs erscheint, hält einer linguistischen Prüfung nicht stand, und zwar, so die in Sachen Semantik gebrauchstheoretisch orientierte Verf., zumeist wegen einer grundsätzlich abbildtheoretischen Fundierung der laienlinguistischen Sprachauffassung.
Kurzbeschreibung
Seit Anfang der 90er Jahre ist Political Correctness in aller Munde. Dabei wird der Ausdruck einerseits mit korrekten politischen Meinungen und Verhaltensweisen assoziiert, andererseits auch und das vielleicht in erster Linie - mit einer korrekten Wortwahl in der Öffentlichkeit.
Die Arbeit Political Correctness und öffentlicher Sprachgebrauch fokussiert insbesondere die sprachlichen Aspekte des Phänomens. Dies geschieht vor dem Hintergrund der Annahme, daß das, was heutzutage als Politcal Correctness bezeichnet wird, unter anderem eine Fortsetzung dessen ist, was man in früheren Jahren als politischen Wortstreit oder politische Sprachkritik bezeichnete also die argumentative Auseinandersetzung um den angemessenen Gebrauch von Wörtern.
Da sich Sprachkritiker in solchen Argumentationen auf Annahmen über das Wesen und die Funktion von Sprache stützen, deren Richtigkeit sie meist nicht zu belegen versuchen, sondern lediglich behaupten, wird die These vertreten, daß die meisten Argumente, die in öffentlichen Debatten für bzw. gegen den Gebrauch bestimmter Ausdrücke vorgebracht werden, auf Auffassungen über Sprache beruhen, die nicht der Sprachwirklichkeit und nicht der Gebrauchsrealität von Sprache entsprechen.
Diese These soll durch einen Abgleich der Sprachauffassungen, die sich in den verschiedenen Argumenten spiegeln, mit plausibleren sprachwissenschaftlichen Theorien und psycholinguistischen Untersuchungsergebnissen bestätigt werden.
Dabei geht es nicht so sehr darum, politischen Sprachkritikern - die zumeist linguistische Laien sind - aus einer überlegenen Expertenposition nachzuweisen, daß ihre sprachtheoretischen Behauptungen nicht dem wissenschaftlichen Objektivitätsanspruch gerecht werden; vielmehr möchte die vorliegende Untersuchung einen Beitrag dazu leisten, Argumentationsweisen in politischen Debatten transparenter zu machen. Ziel der Arbeit ist es, ein realistisches Bild von der Rolle der Sprache in der Politik zu zeichnen. Daraus soll ein Plädoyer für eine größere Gelassenheit im Umgang mit Sprache in politischen Auseinandersetzungen abgeleitet werden.