Neue Zürcher Zeitung
Der «andere» Ödipus des Sophokles
rib. Das zweite erhaltene Ödipus-Drama des Sophokles, der postum im Jahr 401 v. Chr. von einem Enkel des Dichters aufgeführte «Ödipus auf Kolonos», hatte ein wechselvolles Schicksal. Trotz dem Lob der alexandrinischen Philologen fand es in der Antike kaum Nachfolge und gewann erst im 18. Jahrhundert als Grundlage für Opernlibretti an Bedeutung. Für Hegel die vollendetste antike Tragödie, stand das Alterswerk später im Schatten des «König Ödipus» und der «Antigone» und wurde nur selten aufgeführt. Den Stoff des Dramas fand Sophokles in einer Lokalsage des attischen Demos Kolonos vorgebildet. Nach lebenslanger Wanderung kommt der von Theben ausgestossene Ödipus in den heiligen Bezirk der Eumeniden auf dem Hügel Kolonos und stirbt dort als Bettler, fern von seiner Heimat. Als Heros wird er, in dessen Leid sich die Macht der Götter offenbarte, zum Segen für das Land, das ihn am Ende seines Lebens aufnahm. Die lange nicht mehr greifbare deutsche Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt liegt nun in einer Taschenbuchausgabe vor. Den Anmerkungen des Übersetzers und des Herausgebers sind eine knappe Darstellung der Wirkungsgeschichte sowie ein Kapitel über die Darstellungen des greisen Ödipus in der bildenden Kunst von der Antike bis in die Gegenwart hinzugefügt.
Kurzbeschreibung
Klappentext
Über den Autor
Sophokles wurde 496 v. Chr. im attischen Demos Kolonos als Sohn eines wohlhabenden Unternehmers geboren. Er genoss eine sehr gute Erziehung und Ausbildung, verkehrte in Intellektuellenkreisen, übernahm bald verschiedene politische Ämter und wirkte im kulturellen und politischen Leben Athens mit.
Bereits als 25-jähriger gewann Sophokles die Dionysien, ein Wettstreit zwischen Dichtern im Dionysostheater, mit seiner Tetralogie Triptolemos. Auch seine weiteren Stücke wie Antigone, Philoktet und Ödipus wurden zu großen Erfolgen. Von seinem äußerst umfangreichen Werk sind leider nur sieben Tragödien überliefert. Sophokles gilt als Neuerfinder der attischen Tragödie: er führte den dritten Schauspieler ein, die Schauspieler für seine Stücke wurden passend zur Rolle ausgewählt, er erhöhte die Zahl der Chorsänger von 12 auf 15 und integrierte den Chor in das Stück, und außerdem wurde zum ersten Mal die Handlung durch Bühnenbilder verdeutlicht. Durch diese Neurungen wurde das Schauspiel lebendiger, spannender und dramatischer. Erstmals bei Sophokles wird der Mensch als Individuum mit all seinen Fehlern und die Götter nicht mehr nur verehrend dargestellt. Er gilt als Meister der tragischen Ironie, der gedanklichen Tiefe und sprachlichen Ausdruckskraft.
Im Alter von etwa neunzig Jahren ist Sophokles 406 oder 405 v. Chr. gestorben. Kurz nach seinem Tod wurde ihm zu Ehren eine Statue im Dionysostheater aufgestellt.