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Äon: Roman [Taschenbuch]

Andreas Brandhorst
3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (16 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Die Welt am Abgrund

„In einem kleinen Dorf in Kalabrien gibt es offenbar einen Jungen, der Wunderheilungen vollbringt. Schreiben Sie etwas darüber!“ Mit diesen Worten wird der Journalist Sebastian Vogler von seinem Chefredakteur in den Süden Italiens geschickt.
Fest entschlossen, nicht irgendeinem Aberglauben zu verfallen, beginnt Vogler mit seinen Recherchen. Doch bald muss er erkennen, dass der junge Raffaele tatsächlich in der Lage ist, Menschen zu heilen. Und damit nicht genug: Es scheint eine merkwürdige Verbindung zu anderen Phänomenen dieser Art zu geben.
Vogler reist quer durch Europa, um das Rätsel zu lösen. Und er findet heraus, dass sich hinter Raffaele eine Verschwörung verbirgt, die nicht nur weit in die Vergangenheit reicht, sondern sich anschickt, die Zukunft der Menschheit für immer zu verändern. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt …

Eine atemberaubende Mischung aus Mystery und Verschwörungsthriller

Über den Autor

Andreas Brandhorst, 1956 in Norddeutschland geboren, schrieb bereits in jungen Jahren phantastische Erzählungen für deutsche Verlage. Aufsehen erregte er mit der aus 6 Bänden bestehenden Kantaki-Saga (die Diamant-Trilogie: "Diamant", "Der Metamorph" und "Der Zeitkrieg", und die Graken-Trilogie: "Feuervögel", "Feuerstürme" und "Feuerträume") und dem 2009 erschienenen Mystery-Thriller "Äon", der zu einem großen Publikumserfolg wurde. "Die Stadt" ist sein zweiter großer Mystery-Roman. Andreas Brandhorst lebt als freier Autor in Norditalien.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Rom, August 1212

"Innozenz III., seit vierzehn Jahren Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, sah aus dem Fenster. Der Hitzedunst des Hochsommers lag über der Stadt Rom, die in diesen Tagen zu schlafen schien.
»Der Gesandte wartet, Heiliger Vater«, sagte Drusius, einer der Sekretäre. Er stand an der Tür.
»Ich bin gleich so weit«, erwiderte Innozenz, ohne sich umzudrehen. Er seufzte leise. Er empfand seine Verantwortung als schwere Last, die ihn unter sich zu zermalmen drohte. Es galt, die Macht der Kirche zu erweitern und zu festigen, Rom und die katholische Kirche wieder zum einen großen Zentrum der Welt zu machen. Die Bekämpfung der Häresie war eine Maßnahme, um dieses Ziel zu erreichen, der Kampf gegen den Islam eine andere. Und jetzt zwangen ihn die Umstände, jemanden zu empfangen, der auf der anderen Seite stand, einen Feind und Ungläubigen. Doch auch dieser Mann hielt sich für einen wahren Gläubigen.
Innozenz drehte sich um und kehrte zu seinem großen Schreibtisch zurück. Dutzende von Dokumenten lagen dort, neben Notizen und Entwürfen. Er hatte schon vor einigen Wochen begonnen, Vorbereitungen für ein neues Laterankonzil zu treffen, das vierte in der Geschichte der katholischen Kirche. Der katholische Glaube musste vor der Bedrohung durch Häretiker geschützt werden, und nach dem missglückten 4. Kreuzzug vor acht Jahren brauchten die Kreuzfahrerstaaten in Palästina Unterstützung; außerdem war es notwendig, die kirchliche Freiheit im Investiturstreit zu bestätigen. Nur drei Punkte auf einer langen Liste von Dingen, die die Aufmerksamkeit des Papstes erforderten. Doch jetzt war ein neuer Punkt hinzugekommen und stand ganz oben, an erster Stelle.
Er nahm den Brief, der aus dem Archiv stammte, und las noch einmal die Worte, die vor achthundert Jahren geschrieben worden waren. Sie stammten von Sophronius Eusebius Hieronymus und waren an Innozenz I. gerichtet.
»Ist es ein Zufall, dass ich den gleichen Namen trage?«, fragte Innozenz III. »Oder müssen wir ein Omen darin sehen?«
Der kleine, schmächtige Drusius stand noch immer an der Tür. »Wenn es ein Omen ist, dann hoffentlich ein gutes«, sagte der Sekretär. »Mit Eurer Erlaubnis, Heiliger Vater: Ihr solltet ihn nicht länger warten lassen. Er ist ein Neffe Saladins, und sein Einfluss im Orient ...«
»Einer von fünfunddreißig.« Innozenz seufzte erneut und nickte dem Sekretär zu. »Schick ihn zu mir.«
»Sofort, Heiliger Vater.« Drusius öffnete die Tür und verließ den Raum.
Kurze Zeit später kam ein prächtig gekleideter Mann herein; er trug Ringe an den Fingern, einen Turban und hatte einen dichten schwarzen Bart.
»Salam alaikum«, sagte der Besucher und deutete eine Verbeugung an, trat dann zum Schreibtisch und streckte die Hand aus.
Innozenz berührte die Hand kurz. »Friede sei auch mit Euch, Al-Kamil Muhammad al-Malik.« Er deutete auf den Stuhl. »Bitte nehmt Platz«, sagte er und setzte sich hinter seinen Schreibtisch.
Al-Kamil begann ohne Umschweife. »Ein neuer Kreuzzug ist unterwegs. Eigentlich sind es sogar zwei. Ein französischer und ein deutscher.«
»Ein Kreuzzug der Kinder«, sagte Innozenz.
»Ja, Euer Heiligkeit«, erwiderte der Muslim. »Er darf sein Ziel nicht erreichen.«
»Sie haben mich um die Unterstützung der Kirche gebeten«, sagte Innozenz. »Sie bitten um einen offiziellen päpstlichen Auftrag.« Mutige Kinder, dachte er. Sie wären ein gutes Beispiel für die Erwachsenen.
»Sie dürfen ihn nicht erhalten. Ihr wisst warum.« Al-Kamil fügte den Dokumenten auf dem Schreibtisch einige weitere hinzu, die aus Ägypten stammten. »Das Treffen soll in Jerusalem stattfinden.«
Innozenz blickte in die dunklen Augen des Besuchers und sah dort nicht nur große Intelligenz, sondern auch große Sorge.
»Sogar der genaue Ort ist bekannt«, fügte Al-Kamil hinzu. »Unweit der Tempelruine. Beim alten Kerker.«
»Uns wäre viel erspart geblieben, wenn die Grabräuber ihn damals nicht entdeckt hätten«, sagte Innozenz III.
»Wunschdenken bringt uns kaum weiter, Euer Heiligkeit.«
»Da habt Ihr recht«, bestätigte der Papst. »Und es ist nicht bekannt, mit welcher Identität die Sechs unterwegs sind?«
»Nein, Euer Heiligkeit. Ich nehme an, diese Details fehlen auch in Euren Unterlagen, nicht wahr?«
Innozenz III. legte den Brief beiseite, den Hieronymus vor acht Jahrhunderten dem ersten Innozenz geschrieben hatte. »Das stimmt bedauerlicherweise. Aber die Warnung ist deutlich genug.« Er musterte den Muslim auf der anderen Seite des Schreibtischs. »Wir sind Feinde«, sagte er langsam, »und doch sitzen wir hier und sprechen über eine ... gemeinsame Sache.«
»Wir sind Menschen«, erwiderte Al-Kamil. »Und die Gefahr betrifft uns alle. Ihr wisst, was geschehen wird, wenn sich jene Geschöpfe zum richtigen Zeitpunkt treffen. Es wäre das Ende der uns vertrauten Welt.«
Innozenz III. nickte ernst. »Wir tragen Verantwortung.«
»Ja, Euer Heiligkeit«, sagte der Araber. »Wir tragen Verantwortung, und oft ist sie schwerer als ein Schwert.«
»In diesem besonderen Fall nützen uns Schwerter nicht viel.«
»Ich fürchte, wir hätten nicht genug, Euer Heiligkeit. Nicht einmal dann, wenn wir alle Klingen in Palästina nähmen und sie auf ein gemeinsames Ziel richteten.«
»Sechs Kinder ...«, murmelte Innozenz.
»Nicht unbedingt Kinder. Aber Teilnehmer des Kreuzzugs.«
Der Papst richtete erneut einen wachsamen Blick auf sein Gegenüber. »Wie habt Ihr davon erfahren? Und woher kennt Ihr den genauen Treffpunkt?«
Al-Kamil lächelte. »Allah ist mächtig.«
»Viele Wahrheiten könnten ins Wanken geraten«, sagte Innozenz III. »Nicht nur die unsere.«
Der Araber beugte sich ein wenig vor. »Wir stehen an einem Scheideweg, Euer Heiligkeit. Wenn wir jetzt nicht die notwendigen Maßnahmen ergreifen, gerät alles ins Wanken, nicht nur das, was bisher als wahr galt. Lasst uns Bewahrer der Vergangenheit sein und auf ihrem Fundament die Zukunft bauen.«
»Die des Islam und der katholischen Kirche?«
»Die Zukunft der ganzen Welt, Euer Heiligkeit. Die Alternative wäre ein Chaos, dem wir alle zum Opfer fielen. Wir haben gewisse Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen«, sagte Al-Kamil. »Ich bin sicher, das gilt auch für Euch.«
»Sechs Kinder«, wiederholte Innozenz III. mit schwerer Stimme. »Und Tausende sind unterwegs. Sie haben schon viel hinter sich, und es erwartet sie noch mehr Leid.«
»Es ist der Preis für die Zukunft unserer Welt.«
»Ich fürchte, da muss ich Euch zustimmen.« Der Papst atmete tief durch. »Ich werde alles tun, um zu verhindern, dass der Kinderkreuzzug sein Ziel erreicht.« Eine Entscheidung war getroffen. Leicht fiel sie ihm nicht, aber sie gehorchte dem Gebot der Notwendigkeit. Eine Katastrophe musste verhindert werden.
Er stand auf, und daraufhin erhob sich auch der Besucher.
Al-Kamil deutete erneut eine Verbeugung an. »Ich danke Eurer Heiligkeit für das Gespräch. Wenn es doch nur möglich wäre, alle unsere Probleme auf diese Weise aus der Welt zu schaffen.«
»Oft denken wir voller Sorge an die Zukunft«, sagte Innozenz, ohne auf die letzten Worte des Muslims einzugehen. »Aber manchmal holt uns die Vergangenheit ein.«

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