Das vorliegende Buch von Jan Assmann, dem Spezialisten weltweit zum Thema altägyptischer Religion, gibt einen Einblick in das religöse Denken der alten Ägypter.
In seiner stark theoretisch geprägten Arbeit beginnt er mit einer allgemeinen Beschreibung religionswissenschaftlicher Begriffe: Religion-Transzendenz und Gottesnähe und überträgt diese auf das altägyptische Denken. Diesen schwierigen Versuch unsere in christlicher Dimension gewachsenen Begriffe auf eine längst vergangene und fremdartige Kultur zu übertragen, halte ich für ausnehmend schwierig und gefährlich, da sie aus unserem Kulturkreis nicht einfach zu transferieren sind.
Im ersten Teil wird die implizierte Theologie im altägyptischen Kosmos in sechs Bereichen unterschieden. Dabei geht Assmann genauer auf die in der ägyptischen Religion vorhandenen Strukturen ein: die lokale Dimension (Stadtgötter; Tempel usw.), der Kosmos (Schöpfungsmythen; der Sonnenkult und sein Wandel; der Zeibegriff), spachliche und mythische Dimension (heilige Wörter und heiliges Wissen; Sinn und Zweck der Sprache im Kult),Mythos (Darstellungen einzelner Mythen), Sinn der drei Dimensionen ("implizierte Theologie"; "Dreiheit als Ganzheit").
Dies zum Teil sehr detailierten Ausführungen charakterisieren Bereiche des altägyptischen Denkens, was anhand der Orginaltexte einen besonderen Zugang zu der Religion und die Authenzität der Arbeit Assmanns stark unterstreicht. Schwieriger ist der Umgang mit den Schlussfolgerungen, da ihnen ein Modell zu Grunde liegt, das anhand der Auswahl der Texte und ihrer Deutung vom Autor selbst geprägt wird. Es bleibt unklar,was für Realitäten andere Quellen schaffen würden. Der Umgang mit theologischen Begriffen macht einige Ausführungen ein wenig unklar, da zu befürchten ist, dass Assmann, wie schon viele vor ihm, auf der Suche nach Wurzeln unserer Kultur (Religion) in der altägyptischen Religion ist.
Im zweiten Teil sucht Assmann die Entfaltung des theologischen Diskurses in der expliziten Theologie, wobei er besonders auf die Entwicklungen im Mittleren Reich eingeht. Zu dieser Zeit tauchen literarische Werke auf die mit einem theodizee Problem behaftet sind und heute als Weisheitslehren bekannt sind. Dort werden Vorwürfe gegen die Götter erhoben, warum sie es zugelassen haben, dass die Menschen schlecht und böse geworden sind. Diese Entwicklung des kritischen Umgangs führte im Neuen Reich, der nächsten ägyptischen Epoche, zur Herausbildung neuer Götter (z.B. Amun-Re, der die Aspekte verschiedener Götter in sich vereinte). Den Höhepunkt erreichte dieses Phänomen in der "neuen Sonnen-Theologie" der Amarna Periode, der Assmann einen weiteren Abschnitt widmet.
In diesen umfassenden Beschreibungen fällt es dem Laien sicherlich schwer, die Grundzüge der altägyptischen Religion zu erfassen, daher eignet sich das Werk besonders für Ägyptologen und "fachnahe" Personen.