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So beginnt "Finanztantenhappen in Freiheit heißen Hering" mit der Einkommens- und Umsatzsteuerpflicht, handelt jedoch bald vom Laienrichtertum und dem zu verhandelnden Fall einer 2CV-fahrenden, schwangeren und obendrein nervösen Lehrerin, die von einem Motorradfahrer "mit Ungentlemanlikem bekübelt wurde", nachdem er ihr "eine reingehaut hatte". Goldt verläßt daraufhin das Gericht und geht ins gegenüberliegende Lokal. Dort entdeckt er auf der Speisekarte eine "Gerichtsdiener-Terrine", einen "Ratsherrentopf" oder einen "Senatorenhappen", der sich als Hering in Tunke aus der Dose herausstellt, wo doch jeder weiß, daß diese "Fischdosen hergestellt werden, damit betrunkene Heimkommende was Weiches und Würziges zum Reinschaufeln haben". Woraus Goldt schließt, die Konservenhersteller würden die Bevölkerungsgruppe der Senatoren pauschal der Besoffenheit bezichtigen, wenngleich er einräumt, daß "sicher auch ein Senator mal seine Sorgen in ein Glaserl Wein schüttet, weil seine Existenz verschattet ist". "Doch auch Finanztanten (um zum Ausgangspunkt, der Einkommens- und Umsatzsteuerpflicht zurückzufinden) haben ihren Anteil an Sorge, Schatten & Wein. Der Fisch könnte ebenso Finanztantenhappen heißen".
Ä ist ein unbeschreibliches Buch, besonders empfehlenswert zum Beispiel für "Björk"-Konzertbesucher oder so. --Mike Markart -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Neue Notizen von Max Goldt
Kolumnentexte entfalten ihren Charme gewöhnlich nur an dem Ort, für den sie ursprünglich verfasst worden sind. Quetscht man sie im nachhinein, weil's doch so lustig war und auch der Reibach lockt, zwischen zwei Buchdeckel, kommt meist ein Ladenhüter heraus, der durchaus zu Recht im Regal «Schmunzelbücher» sein tristes Dasein fristet.
Mit den feuilletonistischen Texten von Max Goldt verhält es sich genau umgekehrt. Wer den Esprit dieser Prosa einmal bemerkt hat, mag nicht mehr einen geschlagenen Monat warten und jedesmal ein ödes «Titanic»-Heft kaufen, bis er wieder eine homöopathische Dosis des soignierten Geblubbers früher «Onkel Max' Kulturtagebuch», später «Informationen für Erwachsene» reinziehen kann. Der wahre Goldt-Sucher und nur von ihm soll hier die Rede sein wird mit Freude vernehmen, dass jetzt der dritte Kolumnen-Sammelband des 39jährigen Autors vorliegt: kein Royal Flash wiederum, aber doch ein Tagesteller, der auch den grösseren Appetit auf den Metaphern- und Assoziationensalat des gebürtigen Göttingers, der mit Vorliebe in Berlin und Hamburg rekognosziert, zu stillen vermag. Um einen Augenblick im Bild zu bleiben: Goldt liegt nicht schwer auf. Er bewirkt kein Völlegefühl im Kopf. Man liest ihn mit Vergnügen, steht beschwingt auf und weiss schon kaum mehr, was man eigentlich gelesen hat. Das beschwingte Gefühl aber bleibt.
Eine Entwicklung in Goldts Schaffen zu erkennen wird jener Germanistik vorbehalten sein, die derzeit mit dem Wiener Kaffeehaus der zwanziger Jahre beschäftigt ist. Eines lässt sich jedoch heute schon sagen: Bei den Titeln seiner Sammelbände neigt Goldt zur Verknappung. Wurden die «Titanic»-Beiträge 1989/92 noch als «Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau» eingemacht, mussten jene der Jahre 1993/94 sich schon als «Kugeln in unseren Köpfen» bescheiden. Die neuste Sammlung aber heisst bloss noch «Ä» womit der Verfasser sich nicht wegwerfend oder herablassend (im Sinne von ä bä) äussern will, sondern so dezent wie beziehungsreich auf den Genitiv in Mariä Empfängnis bzw. Lichtmess pp. anspielt, auf Feiertage mithin, die das Volk begehen sollte: «Die einen preisen Maria, die anderen den Umlaut. Schöne Prozessionen sind denkbar. Vornweg gehen die Frommen und rufen Mari-, Mari-', Mari-', die weniger Frommen schreiten hintan und rufen Ä, Ä, Ä. Man muss allerdings recht zart artikulieren, damit es nicht wie das Getröte bei Fussballspielen klingt.»
Dass man von dem, was Goldt beim Flanieren durch die Postmoderne im allgemeinen und die Fussgängerzonen im besonderen notiert, am Ende so wenig hersagen kann, heisst keineswegs, dass der Autor nichts zu sagen hätte: Blättern wir nach. Stichwort Buchautor: «Buchautor nennt man jemanden, den man auf keinen Fall als Dichter oder Schriftsteller durchgehen lassen möchte. Wenn z. B. Petra Schürmann ein Buch mit Schönheitstips herausgibt, dann ist sie Buchautorin.» Stichwort Verdächtige epitheta ornantia: «In der Spezialsprache der Gastronomie ist knackig ein Synonym für nicht frisch.» Stichwort Geschichte: «Die Altstadt von Görlitz ist dermassen ehrwürdig, dass sie sogar das einzige Karstadt-Warenhaus ohne Rolltreppe beherbergt.»
Goldts Pointen mögen selbst dann amüsieren, wenn man sie einzeln aufspiesst. Wie anders soll man zitieren? Im Text aber kommen die Sentenzen gerade nicht sentenziös daher, sondern kribbeln und wibbeln in einem federleichten Parlando, dessen literarischen Rang man nicht unterschätzen soll. «Hanuta heisst Nukota, das Nutella Nusskati, der Lady Cake heisst Marina»: das notiert der Supermarkt-Flaneur ebenso wie den Umstand, dass die meisten Menschen ein Rendez-vous oder Bewerbungsgespräch entschieden zu vermeiden trachten, wenn sie mit einem Zehnerpack Klopapier unterwegs sind; auch der Umstand, dass es im Duty Free Shop in Reykjavik keine Zigaretten gibt, wohl aber Rotkohl in Dosen, Björk-CD und ein französisches Buch über Mexiko, ist ihm nicht verborgen geblieben.
Was Max Goldts Wahrnehmung schärft, ist ein besonderer Sinn fürs Inkongruente. Ihm entgehen weder die «plattdeutsch gesungenen Weihnachtslieder im Dixieland-Sound» noch die billigen Heringskonserven namens «Senatorenhappen», und er weiss auch, dass eine «Klodeckelbespannung aus altrosa oder türkisem Frottee mit passender Badezimmermatte und Klofussumpuschelung» weder humanistische Bildung noch Adel erahnen lässt. Sein besonderes Augenmerk gilt den Kulturschickimickis, für die, nachdem Schmuck, Autos und selbst die Toskana als solche passé sind, der Balsamessig das Statussymbol schlechthin geworden ist und die nur deshalb beim «Edel-Bio-Türken» dem Autor die letzte Flasche guter Milch wegschnappen, weil sie glauben, mit der Anbiederung «Grüss dich, Mehmet» ein «Signal gegen den Hass» zu setzen.
Innerhalb der bisweilen etwas lärmigen zweiten Generation der Neuen Frankfurter Schule ist Max Goldt der distinguierte Causeur, der intellektuelle Dandy, der entspannte Einzelgänger. Doppelt nachdenkenswert, was er als dritte «Anbaggermethode» bei Damen empfiehlt: «Sich vollkommen lautlos anschleichen, eine eiskalte Hand auf ihre Schulter legen und sagen: Ihr Mantel müsste aber auch mal wieder in die Reinigung.»
Manfred Papst
Max Goldt kommt auf Lesetour in die Schweiz und liest am 11. 6. in Zürich in der Roten Fabrik. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Goldt hat einen sehr eigenen Stil - ein bißchen wie ein Germanistikstudent im 23. Semester, der viel Zeit mit der Erkundung chemisch induzierter Bewußtseinsveränderungen verbracht hat... vielleicht hilft es auch, wenn man ganz gerne einen etwas schrägen Blick auf die Welt wirft und obskuren Gedankensprüngen nicht abhold ist ... eine spezielle Art von Humor - ein bißchen was von den Marx Brothers, nur zurückhaltender, irgendwie vornehmer - verquer ... mind-boggling halt. "Ä" ist auch die Kurzbeschreibung dieser Rezension, weil es mir schwer fällt, eine Schublade oder ein Etikett zu finden, mit dem sich die Goldtsche Welt einem Nicht-Kenner (einem Nicht-Gläubigen?) erschließen würde ... leider habe ich mir auch nicht die treffendsten Abschnitte markiert, die ich jetzt zitieren könnte, um einen kleinen Einblick zu gewähren ... einige Überschriften lassen aber vielleicht schon erahnen, wohin man sich bei (eventuell nichtsahnender) Lektüre begibt: "Veränderungen des Neigungswinkel von Hutablagen sind keine Hausmädchenarbeit" oder "Auch Tote dürfen meine Füße filmen", bzw. "Finanztantenhappen in Freiheit heißen Hering" ...
Das Buch ist eine Zusammenfassung von Kolumnen, die zuvor in der TITANIC erschienen sind ... das wäre vielleicht eine Empfehlung: wer die Art von Humor in der TITANIC nicht mag, ist wahrscheinlich auch hier überfordert ...
Jedenfalls: Goldt ist gut und gehört gelesen. qed. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
Sicherheitshalber schrieb er eine Widmung hinein, die ich als Berwertung dieses Buches sehr passend finde: "..in diesem Buch du, da lernst du Sachen, die du bestimmt nicht brauchst. Dagegen wiederum andererseits sind ja vielleicht auch noch andere Bücher da, die du doch genausowenig brauchst, aber dennoch liest, weil sie gut sind. Ein wichtiges Buch ist das."
Lieber A.G. aus B. an der S., das Buch ist der absolute Hammer!
Völlig unvorbereitet wagte ich mich an die erste Story und wurde bereits auf der ersten Seite überrascht: Nämlich von meinem eigenen unkontrollierten Lachen. So schnell hat mich wirklich noch keines meiner Bücher zum Lachen gebracht.
Mit einer bissigen Gleichgültigkeit, denn eigentlich ist es dem Autor ja doch egal, analysiert und beschreibt er Belanglosikeiten aber auch wichtige Thesen. Erstaunt hat mich zum Beispiel folgendes Problem: "..was wäre, wenn die großen Katastrophen der Menschheit nicht stattgefunden hätten, wenn Seuchen, Kriege, Hungersnöte, Vertreibungen und Genozide quasi ausgefallen wären?" Diese Frage traf mich mitten in der Magengrube, verblüfft darüber, daß jemand dieses Tabuthema anpackt und gnadenlos auf den Tisch wirft, kam ich aus dem Staunen über die nachfolgenden Ausführungen nicht heraus.
Mit einer atemberaubenden Sprachgewandtheit trifft der Autor immer wieder völlig unerwartet den Nerv des Lesers.
Ein wichtiges Buch ist das!
Weil dieses Buch eine Sammlung von Titanic-Kolumnen ist, sind die Themen ebenso durcheinander gewürfelt wie abstrus. Goldt benutzt zum Beispiel gegenwärtige Ereignisse und Schlagzeilen, um davon ausgehend den Faden weiterzuspinnen, um zu kommentieren und zu reflektieren, oder er erkiest sich eigene (oft reichlich chaotische, aber auch alltägliche) Erlebnisse zum Mittelpunkt seiner Texte, die von ihrem Ausgangsgedanken (z.B. von der Übersetzerin der klassischen Donald-Duck-Stories) so schnell zu gänzlich anderen Bereichen springen, dass man sich urplötzlich bei streng geheimem Prüfungsmaterial für angehende Lufthansa-Piloten wieder findet, oder bei jungen Paris-Touristinnen, die ihren leicht geöffneten und dadurch erotischen Mund hart gesottenen Portraitzeichnern darbieten. Wer durchgehende, konsistente Gedankengänge sucht, ist bei Goldt meilenfalsch. Dennoch, irgendwie durchfädelt ein Faden all seine Erzählperlen: er selbst.
Goldts Themen in Ä sind divers, unter anderem blickt er gern auf vergangene Zeiten zurück, auf verschollene Konsumprodukte, seine eigenen Abenteuer im Internet, die Idiotien der Neuzeit (überhand nehmende Werbeaufschriften auf den T-Shirts der heutigen Jugend, Faxgeräte, etc.), Durchschnittsgeschwindigkeiten deutscher Fußgänger sortiert nach Stadt, das ausgestorbene Gewerbe der Samenschluckereien, warum Männer in Hotels keine Blumensträuße oder Vergrößerungsgläser bekommen, und so weiter.
Wenn ich Goldt lese, schnurrt mein passiver Wortschatz, und mein Vokabular tanzt Fandango: Goldt ist eloquent, abwechslungsreich, und präsentiert immer wieder Worte und Wendungen, die man viel zu selten benutzt. Allein die Lektüre von Ä macht mir die Möglichkeiten der Sprache bewusst, und wie viel doch eine gehobene Wortwahl ausmacht. Die Lektüre von Ä führt dazu, dass ich mich belesener fühle. Gebildeter. Entweder besitzt Goldt die Gabe, sich mit Leichtigkeit so ausdrücken zu können, oder seine Kolumnen sind mit nimmermüder Hand so fein geschnitten & geschliffen, dass sie sprachlich wie Bergkristall funkeln.
Eine weitere Stärke Goldts ist, dass er auch aus dem Alltag viele Absonderlichkeiten berichten kann, die einem vertraut sind, über die man aber selbst noch nicht zu Genüge reflektiert hat, seien es Meckerbriefe von Überpedanten, die stolz-überlegen darauf hinweisen, dass das neue Jahrtausend erst am 1.1.2001 beginnt und nicht schon 1.1.2000, oder die immanente Dämlichkeit der Out-Liste der BILD, oder die Absurdität der Bio-Läden-Preise, und dass Leute sie tatsächlich bezahlen. Goldt spricht oft Themen an, die wir wieder erkennen, und zu denen wir deshalb eine Bindung, an denen wir deshalb grundsätzlich Interesse haben.
Wer gern die Mängel unserer Gesellschaft kritisiert oder solcherlei Kritik mit einem Nicken begrüßt, dem sei Goldt empfohlen, denn solche Mängel sind oft ein Ziel seiner Häme und Satire. Goldts Humor ist recht derb, kommen doch gelegentlich Fäkal- und Ordinärausdrücke vor, die zart Besaitete verstimmen könnten. Das jedoch bewerte ich nicht negativ; vielmehr ist die einzige Schwäche, die mir aufgefallen ist, dass Goldt etwas altbacken und altmodisch daherkommt mit seinen Ansichten, obwohl er oft kontrovers ist. Das mag daran liegen, dass das Buch zur Zeit dieser Meinungsniederschrift bereits ein Jahrzehnt lang Staub gesammelt hat.
Ä ist ein unglaublich lustiges, kurzweiliges Buch, das wie für Feuilleton lesende Studenten und Ex-Studenten gemacht zu sein scheint, und wer herausfinden will, warum es so heißt, wie es heißt, muss es lesen.
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