Zu diesem Film gibt es als Bonus ein langes, lustiges Zwiegespräch zwischen Pedro Almodovar und dem männlichen Hauptdarsteller, Antonio Banderas, in welchem die beiden nach vielen Jahren Rückschau halten und in dem Almodovar selbst diesen Streifen als das bezeichnet, was er auch in meinen Augen ist:
ein (modernes) Märchen.
Im "normalen" Leben käme Ricky wegen Freiheitsberaubung für viele Jahre hinter Gitter und Marina wäre ein Drogenwrack, aber Almodovar liebt seine Figuren wie Kinder (was sie im Almodovarschen Universum auch alle irgendwie sind, seine hysterischen Frauen, seine Schwulen, seine Transen, seine Alten, seine Beziehungsgestörten, seine Begierigen, seine Sehnsüchtigen - die einzigen, mit denen er kurzen Prozeß macht, das sind die Uneinfühlsamen, die Direkten, die Groben, wie bei den beiden Ehemännern in "Volver" und "High Heels") und für die werden dann alle Träume war.
"Atame" - "Fessle mich" sagt Marina übrigens, als Ricky sie vor dem Verlassen der Wohnung fragt, ob sie bleiben oder weglaufen wird und sie entscheidet sich selbst fürs Anbinden, weil sie (noch) nicht sicher ist, wie sie sich verhalten wird; sie möchte sich in gewisser Weise in eigener Unmündigkeit belassen, um keine Entscheidung zu treffen, die sie später vielleicht bereut. Dann wird sie doch von ihrer Schwester gefunden, die sie einfach mitnimmt und nun, nicht unter dem direkten Einfluß von Ricky, entscheidet sie sich doch, mit diesem zusammen zu bleiben; sie hat ihre Entscheidung in Freiheit getroffen und das ist ein großartiger Trick des Regisseurs.
"Atame" ist ein Liebesfilm, Ricky tut das, was er tut, ungern, sozusagen als unabdingbares Mittel zum Zweck. Wie gesagt, nicht zur Nachahmung empfohlen, aber seit wann funktionieren Märchen in der Wirklichkeit...?
Almodovars Geschichten haben immer mindestens Aspekte zu bieten, die Geschichte selbst, die wundervolle Musik und dann die optische Opulenz.
Es lohnt sich immer wieder mit der Fernbedienung den Film anzuhalten und die einzelnen Bilder auszukosten, so die Szene als Marina in der Badewanne vom Taucher erfreut wird und ihr unnachahmliches Gesicht gezeigt wird:
links auf dem Badewannenrand stehen drei verschiedenenfarbige Säckchen mit Badesalz, von rechts weht ein blutroter Zipfel des Fenstervorhanges ins Bild und dazwischen ihr lustvolles Gesicht.
Ich kann mir so lebhaft vorstellen, wie der Regisseur immer wieder selbst Hand anlegt und hier ein Kissen verschiebt, dort etwas Hübsches auf den Tisch legt oder noch ein bunteres Kleidungsstück anbringt.
Der Film ist Klasse, aber er lebt auch von den unvergleichlichen Darstellern, nicht nur "Ricky" und "Marina" verfügen über eine ausgeprägte Präsenz, auch die "Lola" wird prächtig gespielt, die Drogenhändlerin (Carmen Maura), die Apothekerin, die Direktorin und alle anderen sind hervorragend besetzt.
Ein Film, den man sehr oft sehen kann.