Victor Klemperer schrieb in seinem Buch über die Sprache des Dritten Reiches: "Worte können wie winzige Arsendosen sein; sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung da." Nahezu alle scheinen damals diese Giftdosen bedenkenlos geschluckt zu haben. Sie haben sich eingereiht in einen Sieges- und Heldenrausch ohnegleichen. Nicht so Friedrich Kellner. Auf der Rückseite dieses Buches sagt er: "In der Gegenwart konnte ich damals die Nazis nicht bekämpfen, also entschloss ich mich, sie in der Zukunft mit diesem Tagebuch zu bekämpfen, um künftigen Generationen eine Waffe gegen jede Wiederholung solcher Untaten zu geben."
Es gibt immer weniger Zeitzeugen, die man befragen könnte. Alle früher zu dieser Sache Angesprochenen waren merkwürdig ruhig und verschlossen, verwiesen immer wieder auf die Erfolge einer Partei (Stichworte Abbau von Arbeitslosigkeit, Autobahnen), deren Umtriebe Kellner als erklärter SPD-Anhänger auf ihren Grund zurückbrachte, die er als eine Mischung aus niederträchtiger Propaganda und einer zu großen Führergläubigkeit des Volkes ausmachte. Dieses Buch beweist, dass man mit etwas Nachdenken schon damals hätte sehen können, was gespielt wird. Am 26. September 1938 schreibt Kellner: "Der Sinn dieser Niederschrift ist der, augenblickliche Stimmungsbilder aus meiner Umgebung festzuhalten, damit eine spätere Zeit nicht in die Versuchung kommt, ein großes Geschehen daraus zu konstruieren." Er beschreibt genau und hält schon im September 38 fest, dass niemand begeistert war, zur Armee gehen zu müssen. "Die Mannschaften befanden sich durchwegs in gedrückter Stimmung." Im gleichen Abschnitt analysiert er: "Es tut mir leid feststellen zu müssen, dass das primitive Denken des deutschen Volkes einen Grad erreicht hat, der schlechterdings nicht mehr zu überbieten ist. Das ist dein Werk, Propagandaminister! Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne. Man muss an den Menschen verzweifeln."
Die Mischung aus aktuellen Nachrichten der Weltpolitik mit dem Alltag der Menschen in Laubach, die dazwischen geflochtenen Erklärungen von Friedrich Kellner, es ist ein Mix, der einfach besticht. Er schreibt am 6. Oktober 39: "Warum muss denn immer in so furchtbarer Weise mit der anderen Welt gesprochen werden? Die Angst hütet den Wald, das war das Rezept für das Innere Deutschlands. Man kann aber doch nicht erwarten, dass Staaten wie England und Frankreich einfach vor unserem lauten Geschrei in ein Mauseloch kriechen." Er beschreibt die Situation im Fleischladen, in dem eine alte Jüdin einkaufen will, aber nichts mehr bekommt. "Abgrundtiefe Gemeinheit und erbärmlich Feigheit! Herr R. (der Metzger), sie werden ihren Lohn erhalten."
Friedich Kellner analysiert die Vorteile des Nachfolgens: "Es ist ja so bezaubernd schön, wenn der Führer aber auch rein alles für die denkfaule Menschheit erledigt. Der Führer macht es schon richtig, war ein geläufiges Sprüchelchen. Oder wie ein bedauernswerter Zeitgenosse einmal zu mir sagte: Machen Sie sich nur keine Gedanken, das wird schon alles geregelt." Kellner sieht nach 7 Jahren Naziherrschaft, dass in den wesentlichen Stellen "Gaukler, Blender, Bonzen und Postenjäger" aufgerückt sind. "Der Terror ist Trumpf. Gemeine, brutale Unterdrückungsmethoden gelten als geheiligte Gesetze. Alte Kämpfer sind Heilige. Vom Gauleiter aufwärts gibt es nur Heilige."
Friedrich Kellner listet die 18 Kardinalfehler des Unterdrückungssystems auf, z.B.
1) Zwangsgruß
2) Die Spaltung des Volkes in Parteigenossen und Volksgenossen
3) Unterdrückung jeder freien Meinungsäußerung
7) Verfolgung und Ausrottung der Juden
11) Grausame Ämterwirtschaft
Hier schreibt jemand, der das Kampf-Buch des AH wirklich gelesen, der verstanden hat, was dem deutschen Volk blüht. Er hört in Wartezimmern mit und schüttelt ob der infantilen Siegeszuversicht der Menschen, ja ihrer kompletten Ahungslosigkeit den Kopf. Unglaublich, die Nachrichten, die man nach-lesen kann z.B. über Todesurteile an jenen, die diese Siegeszuversicht durch laute Zweifel gestört haben.
Er sieht im deutschen Militarismus eine der wesentlichen Krankheiten überhaupt und vermerkt zum Geburtstag eines Generalleutnants aus dem 1. WK am 22.11.1942: "Seit 70 Jahren hält dieser Generalleutnant Fett immer noch keine Ruhe. Im Kriegerverband wird der militärische Geist gepflegt und wachgehalten. Diese Kriegerverbände sind die Brutstätten künftiger Kriege. Augen auf nach diesem Kriege!" Als Schwabe, der in Vahingen geboren wurde, schreibt er: "Alles, was die Nazis wünschen, das glauben sie hartnäckig. <Da kanscht nix mache> sagt der Schwabe."
Zum Tod eines 19-jährigen Kompanieführers bzw. dessen Todesanzeige (auf Seite 551 abgedruckt) analysiert Kellner: "Mit 19 Jahren Kompagnieführer. Als Minderjähriger Vorgesetzter von Volljährigen. Das gibt zu schwerwiegenden Bedenken Anlass. Nur noch Kanonenfutter? Sonst nichts mehr? Liebes Vaterland, höre auf! Ich meine es gut mit Dir!"
Am 7. Mai 45 summiert Kellner die in die Zukunft wirkenden Schandtaten des 3. Reiches: "Die Auswüchse Adolf Hitlers und seiner ihm ergebenen Banditen werden bis in die fernsten Zeiten als leuchtende Warnsignale in dem Geschichtsbuch der Menschheit bestehen bleiben. Auch einen Höchtleistung!" Gleichzeitig lehnt er eine Kollektivschuld des deutschen Volkes für die beganenen Untaten ab, ebenso wie man dem amerikanischen Volk nicht vorwerfen könne, dass Einzelne schwarze Mitmenschen gelyncht haben.
Man fragt sich nach dem Lesen dieser über 1000 Seiten, woher Friedrich Kellner (seine Vorfahren waren Metzger und Gerber) eine so entschlossene, klare Kraft und vor allem intellektuelle Schärfe herbezieht. Im biografischen Bericht seines Enkels ab Seite 1027 wird darauf eine Antwort gegeben: "Friedrich wurde von einem Gerechtigkeitssinn getrieben, den sein Vater ihm eingepflanzt hatte." (S. 1028) Er organisierte als Sozialdemokrat in Mainz Demonstrationen, in denen er das Buch von AH hochhielt und rief: "Gutenberg, deine Druckerpresse ist durch dieses böse Buch verletzt worden." Die Tagebücher wurden durch einen Enkel Kellners herausgegeben ( wurde Literaturprofessor in den USA) und alleine diese Entwicklung (Entdeckung der Tagebücher) ist lesenswert. Das persönliche Schicksal Friedrich Kellners (er schickt seinen Sohn Mitte der 30er nach USA), die Wirrungen des Sohnes und die Entdeckung des Enkels sind ein Stück bewegender deutscher Geschichte.
Ein wirklich hervorragendes Buch mit umfassenden Erklärungen, Verzeichnissen, Literaturlisten und einem Inhalt, der mich wirklich zutiefst beeindruckt hat. Unbedingt lesen! Noch nie war mir der Alltag in den 30/40-ern so erschreckend nah und nachvollziehbar.