"Im täglichen Leben schätze ich die einfachen Dinge am höchsten: Karotten und rote Rüben, neue Kartoffeln und grüne Erbsen und im Herbst die Maiskolben." (S.331) Oder eine Erfahrung aus dem Brüssel der beginnenden 70er Jahre: "Ein noch größeres Problem war die materialistische Einstellung einer relativ großen Anzahl Musiker, besonders unter den (wie fast überall damals noch) ziemlich ungebildeten Blechbläsern. Denen war das Wichtigste, allerspätestens um zwölf Uhr mittags die Probe zu beenden, weil die heilige Stunde des Essens schlug." (S.163)
Solche profunden Selbstauskünfte und Erkenntnisse erwarten einen in diesem Buch. Aber keine Bange: Es ist lesenswert und in Grenzen auch unterhaltsam, siehe belgische Blechbläser. Die werden einem während der Lektüre mit ihrer eben geschilderten Lebensnähe allerdings sehr viel sympathischer als der Autor, der in ziemlich elitären Kategorien denkt.
Die Memoiren geben einen guten Einblick in das Denken eines der Neuen Musik verhafteten Dirigenten der zweiten Reihe. Musik dient ihm nicht der Unterhaltung des zahlenden Publikums, denn: "Ich habe immer gemeint - und meine noch immer, Funktion von Kunst und Musik sei es, den Menschen die Konflikte ihrer Zeit und ihres Inneren paradigmatisch vorzuführen." (S.340) "Ein Chefdirigent muß Erfolg haben, er muß sein Publikum ernst nehmen - aber er muß es auch erziehen.... Er ist verpflichtet, die Musik seiner Zeit aufzuführen." (S.261). Nanu denkt man: Wer hat dem Mann denn diese Pflicht auferlegt: Die Bundesregierung, der Deutsche Musikrat oder der Deutsche Fussballbund ? Und wie soll das gehen, daß man das Publikum mittels Tönen zu einem höheren Bewusstsein erzieht ? Die Unverfrorenheit, zur Methode erhoben, zeigt schön, wie so ein aus öffentlichen Kassen bezahlter Vertreter der Neuen Musik glaubt, seine Stellung zur Bekehrung des blöden Publikums nutzen zu sollen, völlig unberührt davon was dieses teuer zahlende Klassik-Publikum hören will.
Diesem Buch würde ich 3,5 Punkte geben, weil es einerseits leicht lesbar, meinungsfreudig und gedankenschwer ist, andererseits aber wichtige Fragen unterschlägt, etwa die oben zu Pflicht und Erziehung sowie Auskünfte dazu, wie die Musiker und das Publikum auf diese Art Hochmut dieses aufgeblasenen Musikus reagiert haben. Dazu gibt es nur am Rande Interessantes. Intendanten: Bewahrt uns vor solchen Dirigentenfatzkes!