Im Vordergrund des Buches stehen diesmal weder die Täter noch die eigentlichen Opfer von Serienmördern sondern Menschen, an die man sicher nur selten denkt, wenn man von schweren Verbrechen hört. Der Täter wird (bestenfalls) irgendwann inhaftiert und verurteilt, das Opfer ist tot, der Fall damit scheinbar erledigt. Zurück bleiben Angehörige, Partnerinnen und Ehefrauen der Täter. Ratlos, unschuldig, mitschuldig, vollkommen unwissend oder auch schon lange etwas ahnend und dennoch schweigend. Und manchmal auch selbst aktiv am brutalen Geschehen beteiligt.
Sie geraten ins Abseits. Auch sie sind Opfer - der Umstände, ihres eigenen Verhaltens und das ihres Partners. Doch sie können sich nirgendwo offenbaren und dieses Opfersein für sich beanspruchen. Sie müssen schweigen und sich zurückziehen, wollen sie nicht ins Fadenkreuz der Selbstgerechten geraten, die ja schon immer etwas ahnten und nun nicht mit Vorwürfen geizen. Doch ist es immer so einfach wie es von außen aussieht?
Harbort zeichnet Beziehungsverläufe nach von Menschen, die Stück für Stück in den unguten Sog von Abhängigkeit, enttäuschter Liebe und Hoffnung hineingeraten und dennoch nicht erkennen, welchem Abgrund sie sich unaufhaltsam nähern. Er spricht mit einer Mutter, die auch nach dem Geständnis brutalster Verbrechen ihres Sohnes noch die Kraft hat, ihm zu schreiben, sie wolle ihn nicht ganz verlieren. Partnerinnen, die angesichts eindeutiger Geständnisse noch wegsehen, schweigen und ausblenden können.
Er hat sich mit Familienangehörigen und Partnerinnen von Serientätern unterhalten, die zum Teil unvorstellbar grausame Verbrechen verübt haben, die den Beobachter nur ratlos zurücklassen. Was von außen so einfach und klar zu sein scheint, bekommt hier eine Dimension, die erahnen lässt, wozu familiäre und Liebesbindungen führen können, was Menschen mitzumachen oder auch selbst aktiv zu tun bereit sind, um eine Beziehung zu bewahren, was sie zu übersehen oder gar zu tolerieren vermögen, um eine einmal errichtete Fassade aufrechtzuerhalten. Frei nach dem Motto: Lieber so einen Mann als gar keinen Mann. Beziehungen, in denen von Anfang bis Ende vor allem eines herrscht: Sprachlosigkeit, Hilflosigkeit, Ausweglosigkeit.
Harbort glänzt auch diesmal mit Fall- und Tatbeschreibungen, die Gänsehaut verursachen. Seine punktgenaue und treffsichere Beschreibung lässt den Leser tief ins Geschehen eintauchen und mitfühlen, aber auch darüber nachdenken, was man selbst (nicht) tun würde, wenn man einen schrecklichen Verdacht gegen den eigenen Partner hegen würde.
Wieder einmal ein sehr spannendes Buch, das einen Aspekt von Serienmorden beleuchtet, der meist übersehen wird. Und ein erschreckendes Lehrstück menschlicher Beziehungen, Abhängigkeiten und wechselseitiger Manipulationen.
Prädikat: Unbedingt lesenswert!