"Du hast mir oft Unrecht getan."
Diese Worte schrieb Emmy Johanna Westphal, genannt Nelly, in einem späten Brief an Heinrich Mann. Fünf Jahre lang, bis zu ihrem Selbstmord, war sie seine Ehefrau, 15 Jahre seine Partnerin. Bereits 1929 hatte der fast 60jährige berühmte Schriftsteller die 27 jüngere, üppig-weibliche und blonde "Strandschönheit" kennen- und liebengelernt.
Dass sie als Tochter einer Dienstmagd aus dem holsteinischen Ahrensbök unehelich geboren wurde, war wohl nicht zwingend von Nachteil, aber dass sie sich ihren Unterhalt als Animierdame in einem Berliner Nachtlokal am Kurfürstendamm verdiente, machte es ihr im Umfeld der "amazing family" Mann von vornherein schwer.
Heinrich liebte dieses Milieu, für den Rest der Familie blieb Nelly jedoch zeitlebens das "Schmuddelkind", für Thomas Mann gar die "schreckliche Trulle" und "eine arge Hur'", für Katia schlicht "das Stück".
Doch war die Schwägerin tatsächlich so ordinär, wie sie immer dargestellt wurde?
Heinrichs Geliebte und dann seine Frau zu werden, musste für sie die Erfüllung ihrer Träume gewesen sein. Doch der Traum war kurz.
Die dem Leben zugewandte, neugierige und durchaus amüsante Nelly zerbricht nach und nach an der Sehnsucht, ohne Wenn und Aber anerkannt zu werden sowie an Heinrich, dem "Mann der Kontraste", von dem sie glaubte, dass er diese Sehnsucht erfüllen könnte, doch für den Liebe genauso Einbildung wie alles andere war.
1933 folgt Nelly Heinrich in die Emigration, zunächst nach Frankreich, dann in die USA. Doch anders als sein Bruder Thomas konnte der ältere Bruder im Ausland nicht Fuß fassen. Materiell und psychisch ging es ihm und Nelly vor allem in den USA sehr schlecht. Nelly trank, nahm Drogen und Psychopharmaka, wurde zunehmend psychisch instabiler.
Am 17. Dezember 1944 stirbt sie an einer Überdosis Schlaftabletten.
Kirsten Jüngling zeichnet ein äußerst einfühlsames Bild dieser zerrissenen und sicher auch labilen Frau, die an zu hoch gesteckten Zielen zerbrach. Wohltuend durchstößt sie die würde- und weihevolle Aura, die die Lübecker Senatorenfamilie und ihre berühmten zwei Schriftstellersöhne umgibt und schildert mit wenig Respekt den Weg der Emmy Johanna Westphal an der Seite Heinrich Manns und dessen Umfeld.
Ihre Biografie ist gleichzeitig eng mit der Vita ihres Lebens- und späteren Ehepartners verknüpft, die sie ebenfalls umreißt und an Schnittstellen tiefgründig ausleuchtet.
Ihre Recherchen stützen sich auf eine Unmenge verschiedenster Dokumente, die im Text mit Fußnoten versehen und in einem 44seitigen Anhang näher erläutert sind bzw. die Quellen benennen. 25 Schwarz-Weiß-Fotos ergänzen diese sorgfältig recherchierte und trotz ihrer "Mannschen Entweihung" stilvolle Biografie.
Fazit:
Lange hat sich niemand, Familie Mann wohl am wenigsten, die Mühe gemacht, nachzuforschen, wer diese Nelly eigentlich war. Kirsten Jüngling hat es versucht. Sie geht den Realien nach, wenn auch nicht erschöpfend, so zumindest doch derart intensiv wie es sich nur machen lässt.
Entstanden ist ein spannendes Buch über ein ungleiches Schriftstellerpaar und ein Leben im Exil.