Frische Gedanken und Lehrsätze des Thomas von Aquin
Lange genug hat der Begriff "Thomismus" Theologiestudenten zum Stöhnen gebracht. Thomismus und alles was dazu gehört, galt als Inbegriff endloser Erläuterungen und theologischer Erklärungen, staubtrockener Gedankengebäude, die keinen Menschen im 21. Jahrhundert mehr interessieren. Auch wenn es den Thomismus weiterhin gab und gibt und die Römische Kirche ihn weiterhin als Krone theologischer Weisheit und Erkenntnis feiert, machte ihn das keineswegs sympathischer.
Heute frage ich mich warum ich den Thomismus plötzlich anders erlebe, sogar Sympathie für ihn entwickle, obwohl dem kein Damaskus-Erlebnis vorausgegangen ist. Dennoch war es ein Mensch, der plötzlich für mich als Türöffner zum thomistischen Gedankenreichtum fungierte. Es ist der Theologe Dr. David Berger, seines Zeichens einer der führenden Thomisten der Gegenwart, der es über sein autobiographisches Buch "Der heilige Schein" fertig brachte, bei mir Interesse und Feuer für den Thomismus zu entfachen.
Wenn die Lektüre vom "heiligen Schein" aus meiner Sicht als wirkungsvolle Weiterführung thomistischen Denkens für die unmittelbare Gegenwart grundgelegt werden kann, weil die offene Art David Bergers, Gedanken hieb- und stichfest zu formulieren, direkt in die Gelehrtenstube des "Doctor angelicus" führt, stellt sich für mich die Frage, warum der Thomismus sich mir über die theologische Ausbildung hinweg immer in einem schäbigen, abgetragenen Pflichtgewand erschienen ist. Dass das plötzlich anders wurde, dazu bedurfte es der Lektüre eines Bändchens, das mir rein zufällig in die Hände gefallen ist und den provokanten Titel "Dummheit ist Sünde" trägt.
Darin führt der Autor Hans Conrad Zander ein fiktives Interview mit Thomas von Aquin im Anschluss an die kompakte Schilderung der universitären Umtriebigkeit des Dominikaners Thomas von Aquin, von Italien nach Paris und von da nach Köln unter den Fittichen Albert des Großen und wieder nach Paris und zurück in die italienische Heimat und konfrontiert mit häppchenweise mit dem unkomplizierten Denken des Aquinaten.
Kurz vor seinem Tod mit 49 Jahren soll der Additor furchterregender Theologischer Summen geäußert haben: "Alles was ich geschrieben habe, kommt mir vor wie Stroh".
Dafür sollen sich katholische Theologiestudenten mit dem Aquinaten abplagen, Seminare besuchen, Vorlesungen hören, Exzerpte seiner Texte erstellen und als Assistenten ihrer Professoren Vorlesungsreihen organisieren, um als gefügige Thomisten in der Universitätshierarchie aufsteigen zu können. Thomas von Aquin konnte das nie und nimmer gewollt haben. Dazu dürfte er als gelehrter Mönch zu bescheiden gewesen sein.
In seinen theologischen "Summen", als komplexe Gedankengebäude, mag Thomas von Aquin schwer zugänglich sein. Aber in den einzelnen Sätzen ist er quirlig und unglaublich lebensbejahend. Manchmal glaubt man sogar, dass nicht alle Aussagen den kirchlichen Autoritäten bekannt sein können, weil vieles sich hart an der Grenze der kirchlichen Lehre bewegt, manchmal ihr sogar mit ihr heftig kollidiert, wie es scheint.
Das reiht der Fragesteller Hans Conrad Zander in hundert Fragen (aus Sicht der Gegenwart) und Antworten auf 95 Seiten genussvoll aneinander. Und man glaubt es nicht, Thomas von Aquin besteht die Feuerprobe :
Kann Dummheit Sünde sein?:
"Nur dann ist der Wille des Menschen gegen die Sünde immun, wenn Verstand immun ist gegen Unwissenheit und Irrtum", Summa contra Gentiles IV,70.
Was ist Wahrheit?
"... jedes Ding hat so viel Wahrheit, wie es Gottes Geist abbildet, Summa Theologica I,II, 93, 1, ad 3.
"...in einem anderen Zusammenhang hast du von einem Heilmittel gegen die Traurigkeit gesprochen, das dir so wichtig war, dass es dir als Sünde erschien, darauf zu verzichten":
"Wenn einer sich so sehr des Weines enthielte, dass er dadurch seine Gesundheit schwer belasten würde, so wäre er von Sünde nicht frei.", Summa Theologica II,II, 150, 1, ad 1.
"Der Mensch soll das Vergnügen suchen", ist das dein theologischer Ernst?
"Spielen ist notwendig zur Führung eines menschlichen Lebens", Summa Theologica II,II, 168, 3, ad 3.
"Lust der Tiere" ist ein ungleich stärkerer Ausdruck als unser moderner Begriff Sexualität. Warum drückst du dich derart kräftig aus?
"Wir müssen unseren Körper mit der gleichen Liebe lieben, mit der wir Gott lieben, Summa Theologica II,II,26,1, ad 3.
Genügt nicht der Glaube, um selig zu werden?
"Offenkundig falsch ist die Meinung, für die Wahrheit des Glaubens sei es ganz gleichgültig, was einer über die Geschöpfe denke, wenn er nur von Gott die rechte Meinung habe. Denn ein Irrtum über die Geschöpfe führt zu falschen Vorstellungen über Gott", Summa contra Gentiles II,3.
Möge das Patmos-Bändchen viele Freunde finden und den Doctor angelicus und seine Gedanken aus der Starre des Hochmittalters in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts befreien als fragiles Brevier auf dem Nachtkastl.
Tchibo