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»Die Katze Erinnerung«: Uwe Johnson - Eine Chronik in Briefen und Bildern
 
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»Die Katze Erinnerung«: Uwe Johnson - Eine Chronik in Briefen und Bildern [Gebundene Ausgabe]

Eberhard Fahlke


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Uwe Johnson
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Neue Zürcher Zeitung

Woher er in Wahrheit kommt

Drei Bücher zu Uwe Johnson

Im Herbst 1975 schlug Uwe Johnson der «Weltwoche» die Antwort zu einer Umfrage rundweg ab; gefragt wurde nach dem zeitspezifischen Flirt mit dem eigenen Ich. Bei aller Bewunderung für «das exemplarisch öffentliche Leben und Schreiben von Max Frisch» vermöge er selbst seine «privaten oder persönlichen Erfahrungen nur zu brauchen für die Verwandlung in erfundene Geschichte».

Furcht vor Selbstpreisgabe

Eine aus ästhetischer Sicht wohl korrekte Antwort, hinter welcher sich aber gerade zu jener Lebensphase Johnsons die Furcht vor der Selbstpreisgabe verbarg. Denn Mitte der siebziger Jahre befanden sich Uwe Johnson und seine Frau in einer tiefen und langwierigen Ehekrise, die schliesslich in der Trennung endete und dem Autor die Vollendung der vierbändigen «Jahrestage» auf Jahre hinaus unmöglich machte. «Skizze eines Verunglückten» wird er die chiffrierte Erzählung vom Scheitern seiner Ehe nennen, die 1981 erscheint.

In Bernd Neumanns umfangreicher, ja monumentaler Johnson-Biographie wird die Absage an die «Weltwoche» nach über siebenhundert Seiten zitiert. An dieser Stelle ist der Leser in alle Tiefen der Dialektik von Leben und Werk Uwe Johnsons eingeweiht, begreift er die sich anbahnende Trennung des Autors von seiner Frau als letzten in einer Reihe von Brüchen, die dieses Leben bestimmt haben.

An deren Beginn steht die Verschickung des Zehnjährigen in eine nationalsozialistische «Heimschule» für besonders begabte, unbedingt reinrassig «arische» Jungen. Sie wird als «Verrat» der Mutter an ihrem Kind erfahren, versetzt den sensiblen Knaben erstmals explizit in die Rolle des Aussenseiters und gräbt ihm zugleich tief die Erfahrung des Nationalsozialismus ein.

Der Einmarsch der sowjetischen Truppen 1945 bringt dann nicht nur die (scheinbare) Umkehrung aller Werte, sie hat für Uwe Johnson auch die Verschleppung und schliesslich den Tod des politisch nie besonders aktiven Vaters zur Folge. Und schliesslich gibt Johnson 1959 mit der von ihm «Umzug» genannten Übersiedlung in den Westen den Kampf um eine ihm verwehrte Existenzbasis in der DDR endgültig auf, um innert Wochen dank den «Mutmassungen über Jakob» zum westdeutschen Literaturstar zu werden, was ihn zugleich auf lange Frist der medialen Öffentlichkeit aussetzt, die es durchaus nicht immer gut mit ihm meinen wird.

Neumanns Leistung besteht darin, dass sich seine ebenso akribische wie umfassende Recherche und sein souveräner Überblick über das immense biographische Material zu einer Biographie gebündelt finden, in der «das Nachweisbare stimmt und das Zweifelhafte dem Entschluss des Lesers überlassen wird», wie Johnson sich eine Biographie wünschte. Sichtbar wird solchermassen die Doppelbindung von Leben und Schreiben, innerhalb welcher Johnson nicht nur das Erlebte literarisch vermittelt, sondern vermehrt auch die Literatur ins Leben eindringen lässt.

Die in den «Begleitumständen» (einem seiner Funktion nach nichtliterarischen Text) geschilderte Begegnung mit der aus den «Mutmassungen» bekannten «Person» Gesine in New York, die zum Auslöser der «Jahrestage» wird, steht beispielhaft für diese Durchdringung. «Bio- Graphie» wird in diesem Kontext zum Gegenschreiben, zum komplementären Akt in der Rückführung der fiktiven Ebene auf die reale und umgekehrt. Gerade nicht platte Übertragung, sondern differenziertes Vergleichen, unterfüttert mit dem Wissen um – oft weit zurückliegende – Erfahrungsmomente, und dokumentarische Hinweise schaffen somit ein komplexes, gerade in seinen Brüchen glaubhaftes Lebensbild eines Deutschen im 20. Jahrhundert. Zugleich entsteht das Bild eines Menschen, dessen Anspruch an Treue die meisten Beziehungen – zumindest der subjektiven Empfindung gemäss – nicht standhalten. Nicht nur die Ehe, auch Freundschaften wie die mit dem einstigen engen Studienfreund Manfred Bierwisch und mit Martin Walser zerbrachen an diesem Anspruch.

Multiperspektivität des Erzählens

Lag der sensationelle Effekt der «Mutmassungen über Jakob» 1959 in einer formal – zumindest im deutschen Sprachraum – völlig neuen Multiperspektivität des Erzählens und der frühen Durchleuchtung der Stasi-Praktiken in der DDR, so ortet Neumann den Schwerpunkt der zwischen 1968 und 1983 entstandenen «Jahrestage» in der Auseinandersetzung Johnsons mit dem Holocaust und der Totalitarismustheorie Hannah Arendts. Die zwei Jahre vom April 1966 bis zum Juni 1968, die Johnson in New York verbrachte, sind Impuls für einen Erinnerungsprozess, der – «unabhängig, unbestechlich, ungehorsam» – in der deutschen Literatur unerreicht bleibt.

Wenn auch Neumanns Biographie am Ende nicht, wie zunächst vorgesehen, beim Suhrkamp- Verlag erschienen ist, so ist ihre Abstimmung mit den beiden parallel bei Suhrkamp herausgekommenen Büchern zu Johnson unübersehbar. Eberhard Fahlkes Lebenschronik «Die Katze Erinnerung» liefert Brief- und jenes zahlreiche Bildmaterial zu Uwe Johnson, das bei der Biographie (ausser sechs photographischen und zwölf gezeichneten Porträts Diether Ritzerts) bewusst ausgespart bleibt.

Das geht vom Hochzeitsphoto der Eltern über die Aula der John-Brinckman-Oberschule in Güstrow und den Westberliner Kneipentreff mit Günter Grass, Wolfgang Neuss und Hans Magnus Enzensberger bis hin zu dem Bild des schon kranken Uwe Johnson an der Frankfurter Buchmesse 1983 vor seinem unendlich vergrösserten Konterfei. Interessant an der Sammlung der veröffentlichten Briefe ist unter anderem der letzte Brief vom 22. Februar 1984 an Johnsons amerikanische Verlegerin und Freundin Helen Wolff, der bei Neumann nicht erwähnt ist.

Ist dies der dokumentarische, so ist das von Siegfried Unseld herausgegebene Lesebuch der literarische Rahmen zur Biographie. Es versammelt in einem Band neben Auszügen aus den «Mutmassungen», den «Begleitumständen» und den «Jahrestagen» jene kürzeren Texte Uwe Johnsons, die man während der Lektüre von Neumanns Buch immer wieder zur Hand haben möchte und sollte.

Unseld, Verleger, Lebensfreund, Trauzeuge und Testamentsvollstrecker Johnsons, greift in seinem Nachwort zu diesem Band die Bezeichnung Johnsons als «Dichter der beiden Deutschland» wieder auf, gegen die sich der Autor selbst zeitlebens vehement gewehrt hat. Auch wenn er sie umformt in den «Erzähler der beiden Deutschland», übersieht er dabei, dass Johnson das deutsche Problem weit vor der Entstehung zweier Deutschland, im Totalitarismus an sich, erkannt hatte.

Alfred Bodenheimer

Kurzbeschreibung

Diese "Chronik in Bildern und Texten" erschien anläßlich des 10. Todestages von Uwe Johnson. Sie bietet konkrete Einsichten in die Lebensumstände und die Schaffensweise des Autors. Enthalten sind zahlreiche bisher unbekannte Fotos, Dokumente und Briefe.

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