»Der schwärzeste Tag meines Lebens begann strahlend schön.« So beginnt das Buch von Gisela Mayer. Es war der Tag, an dem ihre 24-jährige Tochter Nina, genannt Nan, von einem jugendlichen Amokläufer in Winnenden getötet wurde. Gisela Mayer beschreibt im Prolog ihres Buches eindringlich und aufwühlend, emotional und ehrlich, offen, aber kritisch und keinesfalls gefühlsduselig diesen schrecklichen Tag.
Sie kritisiert die »Schamlosigkeit der Medien, die Fassungslosigkeit heucheln und sich doch nur auflagensteigernd am Grauen der Tat weiden.« Frau Meyer beklagt die »kommerzialisierte Emotion« und den »Voyeurismus der Öffentlichkeit«. Sie erwartet von Politik, Medien und Öffentlichkeit, dass »man gewillt sei, nicht tatenlos hinzunehmen, sondern dass man endlich den Mut hat, sich einzugestehen, dass in unserer Gesellschaft vieles schiefläuft«
Gisela Mayer will die Kraft ihrer Trauer in Engagement (im 'Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden') umwandeln. Sie analysiert, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse, findet multikausale Zusammenhänge. Sie fordert »die Auseinandersetzung mit den Ursachen für einen Amoklauf und die allgemeine Verrohung, die immer weiter um sich greift.« Gisela Mayer stellt provokant die Schuldfrage, ohne persönlich zu verurteilen. Aber sie hat klare Ansprüche: »Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, die den Zugang zu Waffen erschweren, Gewalt verherrlichende Computerspiele einer strengeren Überprüfung unterziehen und über eine Gewaltquote im Fernsehen entscheiden.«
Die Ethiklehrerin Mayer benennt drei Bereiche der Betrachtung der erforderlichen Veränderung: Familie, Schule, Gesellschaft. In der Familie gilt es, Grenzen zu setzen, Strukturen zu geben, echte Kommunikation, Respekt, Mitgefühl und Empathie vorzuleben. Dazu Stabilität garantieren, robustes Selbstbewusstsein vermitteln.
Sie sieht unser Bildungswesen als Spiegelbild gesellschaftlicher Orientierungslosigkeit. Die Schule soll Defizite des familiären Umfelds ausgleichen. Doch: Leistungsdruck, Versagensängste und Gewalt hängen zusammen. Mayer will Lernen als Lebensschulung, d.h. u.a. den 'Erwerb sozialer Kompetenzen' als Schulfach umsetzen.
In unserer oberflächlichen Gesellschaft herrschen zunehmender Egoismus und Narzissmus. »Unsere Medienkultur setzt auf Selbstdarstellung um jeden Preis«. Mayer beklagt den Zwang zum Erfolg, die fehlende Menschlichkeit in unserer technikzentrierten Welt: »der Wert eines Menschen, der Wert einer Handlung scheint von der Frage nach der Nützlichkeit, der Verwert- und Verwendbarkeit geprägt zu sein.« Der Wert eines Schülers manifestiert sich an Schulen folglich in den Noten. Und: »Die neue Armut in unserer Wohlstandsgesellschaft ist die Armut an Aufmerksamkeit, Liebe und Zuwendung.«
Insgesamt versucht Gisela Mayer den Spagat von der persönlichen Betroffenheit, dem Wut und Zorn hin zu einer gesamtgesellschaftlichen Analyse. Dabei orientiert sie sich in ihrer Ausführung augenscheinlich an den Erkenntnissen und Vorschlägen von Michael Winterhoff. So erscheinen ihre Darlegungen nicht neu, ihre Vorschläge erinnern stark an einen Erziehungsratgeber. Sie sieht »Sinnentleertheit unserer Gesellschaft«, kann aber (verständlicherweise) auch keine allgemeine Sinn stiftende Alternative anbieten, wie tiefe Menschlichkeit in unserer Gesellschaft verankert werden kann.
Ihr Buch ist dann am beeindruckendsten, wenn Gisela Mayer ihre persönlichen Erfahrungen, ihre Begegnungen mit Nan beschreibt. So schließt das Buch mit einem Zwiegespräch mit ihrer toten Tochter. Die vielleicht oder hoffentlich doch Recht hat mit ihren Worten: »viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, werden das Gesicht der Welt verändern.«